Klartext Raumfahrt

Nihil fit sine causa

3-2-1: Meins

EU-IRIS²

IRIS2: LSI-Konsortialgebot auf der Zielgeraden

Nur noch wenige Tage, dann endet am 31. März das dank atemberaubender Tieferlegung der Kommissionssicht auf den Begriff des Wettbewerbs wohl windschnittigste aller Verfahren zur Vergabe von EU-Geldern mit dem vertraglichen Zuschlag an den einzigen zugelassenen Bieter, das Konzern-Konsortium SpaceRise. Länger darf es auch nicht mehr dauern, die Spannung wird ja sonst unerträglich…  Das weiß auch die Kommission, und die Möglichkeit eines etwas früheren Unterschriftstermins steht im Raum.

 

Über die Frage, wie spannend es dann erst von dem Zeitpunkt an wird – etwa für ansonsten Unbeteiligte wie den europäischen Steuerzahler – lässt sich trefflich spekulieren. Eine Richtung und auch Substanz gewinnen solche Spekulationen, analysiert man die erstaunlich offenen Worte der Konsortialmitglieder HISPASAT, EUTELSAT und SES, auf der Raumfahrtkonferenz von „Business Bridge Europe“, der Lobbying-Organisation des PR-Unternehmens MCI.

 

IRIS2 – Nur nicht in die Füße schießen

Laut und deutlich vernehmbar war dort etwa der markante Hinweis von SES-Boss Ruy Pinto, dass man nicht vorhabe, sich „spektakulär in die eigenen Füße zu schießen“, indem man sich hier etwa nicht beteilige. Denn es sei ganz klar Ziel von SES, sich als Konzessionär mit eigenem Geld einzubringen und davon finanziell viele Jahre lang – der Vertrag läuft zunächst bis 2036 – zu profitieren. Schließlich verschafft IRIS2 den Konsortialunternehmen einen Anteil am Eigentum eines globalen Netzwerks im mittleren und niedrigen Erdorbit, dessen Investitionskosten hauptsächlich durch Regierungssubventionen finanziert werden, was den Ertrag oberhalb der eigenen Kapitalkostenlinie garantiert. Wäre dies nicht das Ziel, so könnte man besser den Anlegern ihr Geld zurückzahlen.

 

IRIS2 –  Die nervenden Kids

Als hinderlich für dieses Ziel gilt da beispielsweise, die Einbeziehung vieler KMU und Startups, die Anziehung privaten Kapitals und die Renditeerwartungen der Industrie unter einen Hut zu bringen; sehr anschaulich formuliert Pinto das: „Diese Dinge ziehen in entgegengesetzte Richtungen“. Bei dem Satz drängt sich förmlich das Bild der verzweifelten Mutter mit drei halbhohen Sprösslingen auf, die den Tross in vier verschiedene Richtungen zerren. Nur, dass hier den KMU die Rolle der nervenden Kids zugeschrieben wird. Pintos Vorgänger Steve Collar hatte das schon früher deutlich burschikoser ausgedrückt, als er feststellte, falls es um Dinge wie `Hunger in der Welt` oder die Auslastung der Fertigung bei KMU und Startups gehe, sei man nicht interessiert.

 

IRIS2 – Die Rettungsleine der Konzerne

Doch das Interesse wurzelt noch viel tiefer, als „nur“ mit der EU-Konstellation staatlich subventioniert und garantiert Geld zu verdienen. Vielmehr ist sie die Rettungsleine für die beteiligten Konzerne mit eigenen Konstellationen, also EUTELSAT mit OneWeb auf LEO und SES mit O3b mPower auf MEO in einer Zeit, da sie heute nicht mit (den Preisen) der Starlink-Konstellation von SpaceX konkurrieren können, und wahrscheinlich auch morgen nicht mit Amazons Projekt Kuiper.

Starlinks erster Marktangang war als Breitbanddienst für Verbraucher, der direkt auf einen Kernmarkt von Eutelsat in Europa und Afrika abzielte, und nachfolgend hat Elon Musk den Fokus auf die Märkte für Unternehmen einschließlich der See- und Luftfahrtkonnektivität verlagern lassen, wo die Medium-Orbit O3b mPower von SES ihre Heimat hat. Genau da kommt IRIS2 jetzt tatsächlich als Rettungsanker der Großunternehmen ins Spiel, weil es die kommerziellen Flotten von SES und Eutelsat durch eine sichere, globale Konnektivität ergänzen wird, die auch für andere Regierungs- und Unternehmenskunden attraktiv ist. Ein weiterer Vorteile von Iris2 auf einigen Märkten: es wird als Alternative zu SpaceX gesehen werden, für das die Kunden etwas mehr bezahlen, um genau die garantierten „Information Rates“ zu erhalten statt nur das „Best-Effort“-Versprechens von Starlink.

 

IRIS2 – Qualität gegen Preisdruck

Dies und der Sicherheitsaspekt soll dann auch über Qualität die Luft aus dem eher quantitativen Preisdruck von Starlink ablassen, mit dem es den Markt beherrscht. Die Amerikaner – und das wird dann Kuiper von Bezos bzw. Amazon einschließen – können sich dank erheblich komfortablerer Margen als Resultat strikt vertikaler Produktion erhebliche Preisanreize leisten und trotzdem noch verdienen. Die Vertikalisierung wie bei Starlink könnte auch in Europa die Konzentration auf die Kosten in ähnlichem Maße voranbringen. Doch Kommission und ESA haben deutlich gemacht, dass sie eine Vertikalisierung nicht befürworten, weil sie weniger Vorteile für die gesamte europäische Raumfahrtindustrie mit sich bringt, selbst wenn das höhere Stückkosten bedeutet.

 

Wichtig für die Konzerne des Konsortiums ist vor allem die Sicherheit einer großen Nachfrage nach privaten, sicheren Netzen, zusätzlich befeuert von der düsteren Prognose, dass sehr bald Regierungen ein europäisch kontrolliertes System dringend benötigen werden, wie HISPASAT-Chef Pedro Duque anmerkte. Auch HISPASAT werde in IRIS2 investieren, von der stark steigenden Nachfrage nach Kapazität und Kommunikationssicherheit zeigt man sich überzeugt. Die einzigen Variablen dabei seien Investitions- und Betriebskosten.

 

IRIS2 – Die großen Unbekannten

Es ist also immer noch nicht bekannt, in welcher Größenordnung bzw. wie überhaupt sich die Unternehmen des SpaceRise-Konsortiums daran beteiligen. Außer der Redaktion vorliegenden Angaben über blitzschnelle Absagen zu offenbar pflichtmäßig abgefragten Offerten von KMU ist auch nicht bekannt, inwiefern der konzernunabhängige Mittelstand denn nun eingebunden wird. Ferner bleibt derzeit unbekannt, mit welchem technischen Gesamtkonzept SpaceRise antreten will.

 

Es bleibt also spannend, und KTR bleibt dran. Irgendwann müssen Konzerne und Kommission ja den Schleier lüften. Bis dahin kann man sich ja alternativ auch mal dort umsehen, wo es noch den Reiz echten Wettbewerbs gibt.

 

Bei Ebay zum Beispiel. 3-2-1: Meins.

 

 

 

siehe auch zum Thema:

Kommission glaubt an Nostradamos:

IRIS2 – Ein Quantum Trost oder das Trauma in Quanten?