Wilhelm Busch, IRIS² und warum es auch mal ohne Raketen gehen sollte

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Kommentar

In wenigen Wochen könnten wir mit Wilhelm Busch dessen 193. Geburtstag feiern – wenn er nicht schon 1908 gestorben wäre. Oder wie er es selbst gesagt hätte: „Denn hinderlich, wie überall, ist hier der eigne Todesfall“.

Das jedoch hat ihn nicht davon abgehalten, in den 76 Jahren seines Lebens Weisheiten in so präziser Formulierung zu hinterlassen, dass doch sehr verwundern mag, wie gering ihr Einfluss geblieben ist. Und das eben auch dort und gerade dort, wo man eigentlich erwarten sollte, dass die klügsten Köpfe kontinuierlich an wegweisenden Problemlösungen arbeiten, mit denen sich völlig neue Horizonte erschließen lassen – beispielsweise in der Raumfahrttechnik. Wilhelm Busch dazu: „Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt“: Europa präsentiert gerade Paradebeispiele, die die Vermutung stützen, dass Wilhelm Busch nicht Teil der Pflichtlektüre der Verantwortlichen gewesen ist. Denn sonst hätte dieser Satz möglicherweise doch manchen innehalten lassen:

Wer immer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine eigenen Spuren.

Stattdessen findet derzeit schon fast ein Run in den Fußstapfen von Elon Musk statt: die geplante europäische Satellitenkonstellation IRIS2 ist demnach vor allem das Projekt, mit dem die EU dem Starlink-System von SpaceX Paroli bieten will. Mal abgesehen davon, dass IRIS2 momentan und vermutlich noch fünf Jahre lang offiziell aus Null Satelliten, ab 2030 aus bis zu knapp 300 besteht, Starlink dagegen heute schon aus siebentausend, irgendwann ab 2030 aus 30.000, so besteht die landläufige Zeichnung des „Aufholrennens“, wie sie von einer Pressequelle, die gerade munter von (fast) allen Medien kopiert wird, aus einer Kette von teilweise merkwürdigen Argumenten. Beispielsweise wird der zuständige EU-Kommissar Kubilius mit dem Hinweis zitiert, man dürfe sich nicht von Ländern außerhalb der EU abhängig machen. So heißt es, bei Starlink habe sich gezeigt, wie die Entscheidungen eines Einzelnen – gemeint ist Musk – zum Beispiel im Krieg Russlands gegen die Ukraine die Grenzen des Einsatzes von Starlink gesetzt hätten. Stimmt, aber: zum einen hat Musk Starlink auf eigene Kosten der Ukraine überhaupt erst mal ohne zu zögern zur Verfügung gestellt, und zweitens: wieviel besser oder überhaupt anders wären in diesem Fall die Entscheidungen von 27 Mitgliedsstaaten der EU ausgefallen – und wären sie noch rechtzeitig vor Kriegsende gefallen? Dieses „Musk-Bashing“ steht auf reichlich kippeligen Füßen und zeigt eigentlich nur zwei Dinge: Europa bleibt in Elons Fußstapfen, stützt damit dessen Führungsposition und verübelt sie ihm gleichzeitig. Oder nach Wilhelm Busch: „Kaum hat mal einer ein bissel was, gleich gibt es welche, die ärgert das“.

Als Herausforderung, die IRIS2 zu meistern habe, wird weiterhin angeführt, dass das EU-System die Schwelle des kommerziellen Erfolgs erreichen muss, um Starlink ähnlich zu werden. Abgesehen davon, dass auch dies nur ein „Folgen in den Fußspuren“ und keine Emanzipation von Starlink bedeuten würde, stimmt der Punkt einfach nicht: alles Kommerzielle soll sich bei IRIS2 sofort abschalten, sobald das Video im Brüsseler Büro ruckelt. Das vorrangige Ziel ist eben NICHT ein sicheres europäisches Internet für die Europäer, sondern ein verteidigungstaktisches System für die EU-Kommission. Nur verkaufen lässt es sich eben besser über seine angeblichen zivilen Vorteile – oder mit Wilhelm Busch: „Wo man am meisten drauf erpicht, grad das bekommt man meistens nicht“.

Jenseits aller offensichtlichen Bemühungen der Europäer, mit IRIS2 in den Fußspuren von Starlink zu bleiben und definitiv keine Führungsrolle anzustreben, zeichnet sich diese bescheidene Zielsetzung auch bei anderen Prioritäten der europäischen Raumfahrt ab. Beispiel Trägersysteme und Startdienstleistungen: Mit der entgegen allen Planungen und Versprechungen subventionsabhängigen und wettbewerbsunfähigen Ariane 6 hat sich Europa ein Trägersystem geleistet, welches sich in den Fußspuren von SpaceX so schwer dahinschleppt, dass es nicht einmal mehr Sichtkontakt zur Spitze der Entwicklung hat. Denn diese Spitze wäre gekennzeichnet durch Vielseitigkeit, Wiederverwendbarkeit, hohe Startfrequenz durch maximale Auslastung und durch einen Ankerkunden Staat, welcher ebenfalls langfristig plant und mal lieber etwas zu viel unternimmt als zu wenig oder gar nichts.

Da soll es nun eine neue Generation von Kleinträgern richten – oder doch zumindest die gröbsten Scharten auswetzen. Ihre staatliche Förderung – jenseits teils schwerer privater Investitionen – folgt dabei ebenfalls den Fußspuren des amerikanischen Musters, aktuell mit der bevorstehenden European Launcher Challenge. Nur haben schon vor Jahren amerikanische Kleinträger wie etwa die Pegasus von Northrop Grumman nicht die Erwartungen erfüllt, die in sie gesetzt wurden. Ebenfalls wurde die DARPA Launch Challenge nach ihren Misserfolgen eingestellt. Einzig RocketLab hat den Weg in die erfolgreiche kommerzielle Laufbahn gefunden. Auf breiter Front jedoch ist der Gewinner auch hier Elon Musk mit SpaceX und der Falcon9 in der Transportversion für viele Dutzend kleine Satelliten auf einer einzigen großen Rakete.

Was aber entweder nur im Geheimen oder eben eher nicht stattfindet, könnte dagegen die größten Erfolgsaussichten haben: die massive kontinuierliche Unterstützung der Entwicklung vollkommen disruptiver Startsysteme. Denn: braucht man unbedingt Raketen mit konventionellen Antrieben? Eben nicht. Man muss nur die Alternative herausfinden. Selbst wenn Europa auch bei diesem Unterfangen noch in den Fußspuren der Amerikaner wandeln würde, die mit SpinLaunch (siehe KTR) schon eifrig vorgelegt haben, so hätte es doch die noch die größte Chance auf mittel- oder langfristige Übernahme einer Führungsrolle. Denn wie sagte es Wilhelm Busch: „Stets findet Überraschung statt, da, wo man´s nicht erwartet hat.“