Kommentar zu jüngsten Entwicklungen
In wenigen Wochen oder Monaten wird man wissen, was IRIS2 ist, was es kostet und wann es fertig ist. Zumindest ist man optimistisch, dass IRIS2 überhaupt kommt.
So die jüngste Position der Industrie des SpaceRise-Konsortiums.
Hoppla, was denn nun? Sollte es rund 5 Jahre nach den zarten Anfängen des nächsten EU-Projekt-Monsters im All nach Galileo irgendjemanden geben, der Parolen und Propaganda des Projektes aus dem Brüsseler Elfenbeinturm tatsächlich noch Glauben schenkt – spätestens jetzt landet er unsanft auf dem harten Boden der Fakten. Fakten, die jüngst anlässlich ihrer Präsentation neuester Geschäftszahlen die SpaceRise-Unternehmen SES und Eutelsat ungerührt auf den Tisch legten:
- Außer der vielbeschworenen Formel von der „Multi-Orbit-Konstellation“ gibt es noch kein endgültig ausgefeiltes technisches Konzept
- Die Kosten des Projektes stehen noch nicht fest
- Einen verbindlichen Zeitplan gibt es nicht
- Es ist nicht sicher, welche Unternehmen am Ende noch im SpaceRise Konsortium verbleiben.
- Was noch im Dezember 2024 als Abschluss des „Konzessionsvertrages“ zwischen EU-Kommission und SpaceRise-Konsortium gefeiert wurde, ist nichts anderes als eine vorläufige Erklärung ohne Verbindlichkeitswert. Zum Vertrag wird das alles erst nach Bewältigung des Meilensteins „RDV-1“, der eben solche Petitessen wie Kosten, Zeitplan und die Antwort auf die Frage, was man denn überhaupt bauen will, hinreichend klärt. RDV-1 steht übrigens für „Rendez-vous-1“; die Nummerierung lässt eher einen Anfang als ein Ende erahnen – mit richtig viel Platz nach oben.
Wie jetzt erst öffentlich wird, war das alles noch nie klar und erst für die interne Diskussion Ende 2025 vorgesehen. Die aber wurde damals schon still und leise auf den April 2026 verschoben; der Termin verstrich ebenfalls ohne ein Wort. Nach neuester Terminhochrechung von CEO Al-Saleh (SES) könnten es in Wochen oder Monaten ab jetzt dann wirklich soweit sein. Wie das Projekt dann aussehen und wer dann noch dabei sein wird, sei aber derzeit noch nicht definitiv zu sagen. Klar sei nur, dass es nach rechtlich verbindlichem Abschluss von RDV-1 anders sein wird als vorher, und dies sei nun einmal ein bisschen „tricky“. Dennoch sei man industrieseitig optimistisch, dass IRIS2 Realität werden könne, zumal die Kommission „so unerschütterlich hinter dem Projekt steht“. Für die Industrie hingegen sei die Beachtung ihrer roten Linie der gesicherten Erwirtschaftung klar definierter Renditeziele die Voraussetzung, das Projekt überhaupt in Angriff zu nehmen. Sonst werde es sehr schwierig.
Im Klartext: Die EU-Kommission hat sich so weit für IRIS2 aus dem Fenster gelehnt, dass man hinreichend sicher ist: Jetzt ist sie reif, alles zu unterschreiben, was das von ihr eingesetzte Industriemonopol ihr vorlegt – Hauptsache, es gibt irgendwas zu unterschreiben. Was genau dies sein wird, weiß man noch nicht, nur eines ist klar: es muss mit dem, was in den letzten Jahren gesagt wurde, nicht mehr viel zu tun haben. Wen stört denn auch das eigene Geschwätz von gestern – das der Öffentlichkeit wie auch der Politik über nun fünf Jahre vermittelte Bild des Projektes IRIS2 war also von Anfang bis heute nur ein Muster ohne Wert.
Allerdings – so ganz im Nebel bleibt nicht, was denn da an „Post-RDV-1 Veränderungen“ auf das Projekt zukommt. Zumindest bei zwei Punkten kann man ahnen, was das Ü-Ei Iris Zwei noch so parat hält.
Punkt 1: Schluss mit „Made in Europe“. Was hat die EU-Kommission nicht alles an Propagandamühen aufgeboten, die Starlink-Konstellation im Allgemeinen und Elon Musk im Besonderen zum Feindbild hochzustilisieren, aus dessen monopolistischen Fängen man sich mit IRIS2 und einer dahinterstehenden Armada rein europäischer Industrieunternehmen befreien werde. Garant dafür seien die Mitglieder des SpaceRise-Konsortiums Hispasat, Eutelsat und SES, sowie die des Core Teams: Thales Alenia Space, Airbus Defence and Space (beide im Oktober 2024 aus dem SpaceRise-Konsortium wegen zu großer technischer und finanzieller Risiken ausgestiegen), OHB, Telespazio, Hisdesat, Thales Six, sowie Deutsche Telekom und Orange, die sich beide vorbehalten, als Unternehmen im normalen Leben weiterhin auf SpaceX statt IRIS2 zu setzen, wenn das rentabler sein sollte.
Ob das so sein wird, ist heute noch nicht zu sagen; was man aber jetzt schon erfahren konnte, ist die Planung von SES, welche gleich nach der Bereitstellung der ersten 18 MEO-Satelliten durch OHB den Ersatz des Bremer Europakonzerns durch das US-amerikanische Unternehmen K2 Space aus Kalifornien als Bus-Prime vorsieht – mit Integration der Satelliten in Luxemburg. Die Kommission, so lässt die Industrie verlauten, wird auch weitere außereuropäische Beistellungen zu IRIS2 akzeptieren, denn sie „will dieses Ding jetzt und wird dafür alles tun, was nötig ist“. Das klingt schon ein bisschen nach Mario Draghi in der Euro(pa)krise: „Whatever it takes!“ Großes Drama – ist es schon wieder so weit? Dann hat man die tatsächliche Höhe der IRIS2-Problemberge ja bisher ungewöhnlich gut verbergen können. Das würde auch erklären, warum sich die EU-Kommission hier wie am Nasenring durch die Manege (vor-)führen lässt. Schließlich hatte sie in den letzten Jahren viel Energie darauf verwandt, sich mit der Schaffung eines Monopolanbieters selbst ins Knie zu schießen und ist nun in ihrer Motorik etwas eingeschränkt.
Punkt 2: Schluss mit der Mär von der KMU-Beteiligung in Höhe von 30 Prozent. Das Narrativ, der Mittelstand werde am Projekt in Höhe von 30 Prozent der Aufwendungen beteiligt, gehört in Anbetracht klar gegenteiliger Absicht der EU-Kommission von Anfang an bis heute zu den rekordverdächtigen Marathonlügen des politischen Europa. Wer die Schritte genauer nachvollziehen möchte, kann dies anhand der KTR-Berichterstattung im Detail über die Jahre tun.
Im vorliegenden Zusammenhang ist statt der Historie vor allem der letzte Streich in der Sache von aktueller Bedeutung: mit durchdringendem PR-Getöse hatte das SpaceRise-Konsortium noch Ende letzten Jahres seine Editierung von Aufforderungen zur Angebotsabgabe zu IRIS2 als Beweis für die Behauptung gefeiert, die Realisierung des Projektes laufe planmäßig. Mal abgesehen davon, dass es nach den neuesten Erkenntnissen hier zu dem Zeitpunkt weder ein Projekt noch einen Plan gab, hätte dies der Startschuss für die Herausbildung einer beachtlichen Lieferkette mit idealerweise 30 Prozent KMU-Beteiligung sein können bzw. sogar sein müssen. Zumal man sogar die Aufwendungen für Harakiri-Aktionen hätte dazurechnen können, mit denen KMU das großzügige Angebot zur Versenkung eigenen Geldes in V-LEO-Projekte angenommen hätten.
Hätte, hätte … hat aber nicht: Zur Lage der KMU-Beteiligung an IRIS2 hat KTR eine Untersuchung gestartet, deren Ergebnisse voraussichtlich nach Pfingsten vorliegen und an dieser Stelle veröffentlicht werden.
Punkt 3: Geld spielt eine Nebenrolle, wie auch schon die atemberaubende Kostensteigerung des Gesamtprojekts, kommuniziert über die Jahre in Salamitaktik von 2,4 auf rund 11 Milliarden Euro, nahelegt und alle Beteuerungen ad absurdum führt, man wolle gerade auch zur Kostenkontrolle die Gesamtstruktur einer Public Private Partnership. Für die Fabrikation der 272 LEO-Satelliten haben sich Airbus Defence and Space sowie Aerospacelab in Position gebracht. In der Industrie geht man davon aus, dass Airbus DS durch seine parallel laufende Auftragsfertigung von 440 OneWeb-Satelliten so gut im Fluss ist, dass es den ersten Satz LEO-Sats für IRIS2 schneller schaffen kann als der belgische Herausforderer. Gefertigt würden sie in Frankreich (Toulouse), auch wenn das teurer sein sollte als im OneWeb-Satellitenwerk in Florida und sowieso teurer als beim belgischen Startup Aerospacelab. Aber Geld ist ja, wie schon früher an dieser Stelle angemerkt, für die EU ein erneuerbarer Rohstoff, der spätestens im nächsten mehrjährigen Finanzrahmen nach 2027 wieder von selbst nachwächst.
Apropos Geld: 50 Millionen Euro Umsatz haben SES und Eutelsat zusammen schon im ersten Quartal 2026 mit IRIS2 gemacht, SES 40 und Eutelsat 10. Wenn das schon so gut mit einem Projekt klappt, dass es noch gar nicht gibt, muss man sich ja keine Sorgen um die Beteiligten machen, wenn es wirklich soweit kommt.
Nur um die europäischen Steuerzahler. Für sie bleibt die Show auch demnächst alles andere als langweilig.
Quelle u.a.: