NASA kündigte Anfang dieses Jahres bei ihrer Veranstaltung „Ignition Day“ eine umfassende Neuordnung ihrer Artemis-Pläne an. Dabei wurden die Missionsziele umstrukturiert, um die Rückkehr von Astronauten auf die Mondoberfläche zu beschleunigen und die dafür nötige Architektur zu vereinfachen. Besonders auffällig war, dass die erste bemannte Mondlandung des Programms von Artemis 3 auf Artemis 4 verschoben wurde und verbesserte Varianten der NASA-Rakete Space Launch System (SLS) zugunsten eines einheitlichen Designs aufgegeben wurden. Auch die für die Mondumlaufbahn geplante Raumstation Gateway wurde gestrichen; stattdessen liegt der Fokus stärker auf dem Aufbau einer Basis auf der Mondoberfläche.
Finanziell hinterließen die bisherigen Prioritäten, darunter die verbesserte Exploration Upper Stage (EUS) des SLS und den Adapter, der sie mit der SLS-Rakete verbinden sollte, einen größeren Startturm sowie das Habitation and Logistics Outpost (HALO)-Modul der Gateway-Station eine Spur der Verwüstung in den Akten. Einem entsprechenden Memo des Office of Inspector General (OIG) zufolge beliefen sich die endgültigen Investitionen der NASA in die gestrichene Hardware, die ursprünglich zusammen mit 2,9 Milliarden US-Dollar vertraglich vereinbart worden war, bis zum Arbeitsstopp auf 5,9 Milliarden US-Dollar. Das Memo kommt zu dem Schluss, dass Kosten und Zeitpläne noch weiter gestiegen wären, hätte NASA die Vorhaben fortgesetzt, und doch wäre das das Ziel, vor Ende des Jahrzehnts wieder Astronauten auf dem Mond landen zu lassen, sehr wahrscheinlich unerreichbar gewesen.
Nur einige sehr eklatante Beispiele:
- Nach dem alten Artemis-Plan war die von Boeing gebaute EUS für größere künftige Versionen des SLS vorgesehen und hätte die Fähigkeit der Rakete, Orion und schwerere Fracht zum Mond zu schicken, um 40 Prozent erhöht. Boeing ist außerdem für die Entwicklung und Montage der SLS-Kernstufe verantwortlich und wurde im Februar 2017 ausgewählt, die EUS zu entwerfen und herzustellen. Die EUS wurde in Boeings bestehenden SLS-Vertrag aufgenommen und mit einem Auftragswert von 962 Millionen US-Dollar versehen; die Lieferung war für März 2021 vorgesehen.
Im März 2026, nachdem NASA ihre neuen Artemis-Pläne bekannt gegeben hatte, hatte Boeing die EUS noch immer nicht geliefert und konnte auch nicht angeben, wann dies zu erwarten sei. Daraufhin wurde ein Arbeitsstopp angeordnet. Zu diesem Zeitpunkt waren die EUS-Mittel in Boeings Vertrag auf nahezu 2 Milliarden US-Dollar gestiegen; das Unternehmen schätzte, dass die Summe bis zum Abschluss des Projekts auf 3,7 Milliarden US-Dollar anwachsen würde. Den Ergebnissen des OIG-Berichts zufolge hätte Boeing die erste flugbereite EUS frühestens Ende 2028 an NASA liefern können — 7,5 Jahre nach dem ursprünglich vorgesehenen Termin.
- Eine weitere gestrichene Komponente der inzwischen aufgegebenen SLS ist der Universal Stage Adapter (USA). Der von Dynetics, Inc. entwickelte USA war ein konischer Abschnitt des SLS, der die EUS mit Orion verbinden und zusätzliche Missionsnutzlasten transportieren sollte. NASA beauftragte Dynetics 2017 für 131 Millionen US-Dollar mit der Herstellung des USA und fügte 2022 weitere 9 Millionen US-Dollar für die Integration einer umweltkontrollierten Fähigkeit zur Aussetzung sekundärer Nutzlasten hinzu. Als die NASA im Februar den Arbeitsstopp für Dynetics anordnete, war die Summe auf 353 Millionen US-Dollar gestiegen; bis zur Fertigstellung des USA wäre sie auf 497 Millionen US-Dollar angewachsen. Der OIG-Bericht schätzt, dass sich die Fertigstellung bis Mai 2030 verzögert hätte.
- Mobile Launcher 2 (ML-2), der riesige Turm, der Strom- und Treibstoffleitungen während der Montage und vor dem Start mit dem SLS verbindet, folgte einem ähnlichen Muster. ML-2 wurde gebaut, um die höheren SLS-Konfigurationen zu unterstützen, die mit dem aktuellen mobilen Startturm nicht kompatibel gewesen wären. Dieser Vertrag wurde im Juni 2019 für 383 Millionen US-Dollar an Bechtel National, Inc. vergeben.
Die NASA erwartete die Lieferung im März 2023, doch steigende Kostenschätzungen von Bechtel verzögerten die Fertigstellung von ML-2 und ließen den Vertrag bis Anfang 2026 auf 1,6 Milliarden US-Dollar anwachsen. Das Unternehmen sollte ML-2 bis zu diesem Sommer fertigstellen, doch der OIG-Bericht schätzt, dass es eher Dezember geworden wäre, gefolgt von weiteren ein bis zwei Jahren Validierungstests, damit NASA den Turm für einen Start einsatzbereit machen könnte; die Kosten hätten 2 Milliarden US-Dollar erreicht.
- Das HALO-Modul der aufgegebenen Gateway-Raumstation war ein weiteres Opfer von NASAs geänderten Artemis-Plänen, hatte aber bereits zuvor Schäden erlitten. Nach seiner Lieferung in die Vereinigten Staaten durch den Unterauftragnehmer Thales Alenia Space aus Turin, Italien, im April 2025 entdeckte Northrop Grumman laut OIG-Bericht „weit verbreitete Korrosion im gesamten Modul“.
NASAs Vertrag für HALO mit Northrop Grumman Innovation Systems begann 2019 als alleinvergebener Auftrag über 187 Millionen US-Dollar und war bis September 2024 auf 1,8 Milliarden US-Dollar gestiegen. Als NASA im April den Arbeitsstopp anordnete, lag er bei 1,9 Milliarden US-Dollar; er sollte jedoch weiter steigen, da sich die Lieferprognosen bis 2031 verschoben.
Zu den Ursachen stellt das Memo des Office of Inspector General eine krude Mischung aus Änderungen der Vorgaben und ganzen Missionsprofilen an die Auftragnehmer im laufenden Entwicklungsprozess, schwach ausgeprägte Produktionseffizienz, fehlende Verbesserungspläne, Leistungs- und Erfüllungsprobleme, eklatante Produktmängel bei den Auftragnehmern und generell ein Zeitplanmanagement bei allen Beteiligten, für das die Bezeichnung „unrealistisch“ noch schmeichelhaft ist. Genau dieses jedoch zieht in der Regel eine ähnlich qualifizierte Budgetplanung nach sich.
Was lässt sich daraus lernen? Ein Insider, der nicht namentlich genannt werden will, brachte es gegenüber KTR auf diese Formel:
Für einen Vertrag braucht es mindestens zwei. Und wenn diese zwei schon aus alter Erfahrung quasi darauf konditioniert und sich sozusagen stillschweigend einig wären, dass sowieso alles viel teurer wird und noch viel länger dauert als vereinbart, dann wäre dieser Vertrag schon die erste Papierverschwendung des neuen Projektes – und beim Papier würde es nicht bleiben.
Dagegen hat die NASA nun anlässlich des „Ignition Day“ ein neues Fundament für Projektvereinbarungen gegossen. Es besteht aus drei Leitlinien: Vereinfachung, Tempo, Bezahlbarkeit.
Tragfähig wird aber auch dieses erst, wenn sich alle darauf einigen.