Bundesagentur SPRIND: Aufbau einer „orbital economy“ für Souveränität, Wohlstand und Sicherheit

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Die Bundesagentur für Sprunginnovationen macht mit ihrer Strategie deutlich, dass Europa Raumfahrt nicht länger primär als öffentlich finanziertes Forschungs- und Infrastrukturprogramm verstehen darf, sondern als Grundlage einer neuen industriellen Wertschöpfungsordnung: der Orbital Economy. Gemeint ist ein künftig eigenständiger Wirtschaftsraum im Orbit, in dem Infrastruktur, Daten, Produktion und Dienstleistungen entstehen und genutzt werden. Während die USA und China diesen Wandel mit hoher Geschwindigkeit vorantreiben, droht Europa zurückzufallen, obwohl es über starke industrielle, wissenschaftliche und politische Voraussetzungen verfügt.

Ausgangspunkt der Analyse ist der durch NewSpace ausgelöste Paradigmenwechsel. Wiederverwendbare Trägersysteme, private Investitionen, Satellitenkonstellationen, kommerzielle Raumstationen, In-Orbit-Services, Orbital Computing und Fertigung in Schwerelosigkeit verschieben die Raumfahrt von einzelnen Missionen hin zu dauerhaft genutzter wirtschaftlicher Infrastruktur. Das Marktpotenzial wird als erheblich beschrieben: Schon bis 2030 wird ein weltweites Volumen von rund einer Billion Euro erwartet, bis 2040 von über 1,7 Billionen Euro.

Die zentrale These lautet: Europa kann den Rückstand gegenüber den USA und China nicht durch bloßes Nachholen schließen, sondern muss den nächsten Entwicklungsschritt aktiv gestalten. Statt SpaceX oder Starlink zu kopieren, sollte Europa seine spezifischen Stärken nutzen: eine breite industrielle Basis in Maschinenbau, Robotik, Automatisierung, Chemie, Pharma, Halbleitern, Werkstoffen und Software; exzellente Forschungs- und Innovationsinstitutionen wie ESA, DLR, Fraunhofer, Max-Planck-Institute und Universitäten; sowie einen großen Binnenmarkt, der durch Standards, koordinierte Investitionen und politische Gestaltungskraft einen tragfähigen Heimmarkt schaffen kann.

Strategische Ziele Europas

Die Orbital Economy soll aus Sicht der Agentur drei strategische Ziele erfüllen. Erstens soll sie Wohlstand schaffen, indem neue Märkte für orbitale Infrastruktur, Daten, Produktion und Dienstleistungen entstehen und Europas industrielle Wettbewerbsfähigkeit gestärkt wird. Zweitens soll sie Souveränität sichern, da unabhängige Trägersysteme, Satellitenkonstellationen, Datenplattformen und Produktionskapazitäten im Orbit geopolitische Abhängigkeiten reduzieren. Drittens soll sie Sicherheit erhöhen, weil Raumfahrt immer stärker zivile Hochtechnologie mit moderner Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur verbindet.

Fünf Ausbaustufen der Orbital Economy

Zur Umsetzung schlägt SPRIND einen Entwicklungspfad in fünf Ausbaustufen vor. Die erste Stufe ist der souveräne Zugang zum All. Europa brauche eine leistungsfähige, wettbewerbsfähige und flexible Orbital Transport Infrastructure, die Starts sehr kurzfristig ermöglicht, wiederverwendbare Trägersysteme ausbaut und langfristig auch Raumflugzeuge für regelmäßigen Hin- und Rücktransport von Menschen, Fracht und industriellen Gütern einschließt. Ohne diese Logistik blieben alle weiteren Wertschöpfungsstufen abhängig von außereuropäischen Akteuren.

Die zweite Stufe betrifft die digitale Infrastruktur im Orbit. Satellitenkommunikation, Navigation, Erdbeobachtung, KI-gestützte Datenverarbeitung und Weltraumverkehrsmanagement werden als digitales Nervensystem der Orbital Economy beschrieben. Europa verfüge mit Galileo und Copernicus über starke Grundlagen, müsse aber bei Satelliteninternet, KI-nativer Erdbeobachtung, resilienter Navigation, VLEO-Konstellationen und Space Traffic Management deutlich schneller und souveräner werden.

Die dritte Stufe ist die industrielle Wertschöpfung im Low Earth Orbit. Der LEO soll sich von einem Experimentierraum zu einem Produktions- und Dienstleistungsraum entwickeln. Kommerzielle Raumstationen, In-Orbit-Services, Orbital Computing, KI-Rechenzentren, Mikrogravitätsproduktion und zirkuläre Wertschöpfung durch Wartung, Reparatur, Betankung und Recycling von Satelliten bilden die industrielle Basis. Besonders relevant sind Anwendungen in Pharma, Biotechnologie, Halbleitern, Werkstoffen, Quantentechnologien und Dateninfrastrukturen.

Die vierte Stufe erweitert die Orbital Economy in den cislunaren Raum zwischen Erde und Mond. Europa soll dort nicht nur Teilnehmer, sondern Mitgestalter einer künftigen Wirtschaftszone für Logistik, Energieversorgung, Ressourcen, Infrastruktur und menschliche Präsenz werden. Dafür brauche es europäische Transport- und Logistikarchitekturen, modulare Lander, orbitale Hubs, autonome Mobilitätssysteme sowie Technologien für autarke Mondinfrastruktur wie In-Situ Resource Utilization, Regolith-3D-Druck, Energieversorgung und Kommunikationsnetze.

Die fünfte Stufe versteht Deep Space, insbesondere den Mars, als Innovationsmotor für die Erde. Die extremen Anforderungen interplanetarer Missionen erzwingen Technologien mit hoher Autonomie, Ressourceneffizienz und geschlossenen Kreisläufen. Diese könnten auf der Erde in Energieversorgung, Wasser- und Stoffkreisläufen, Landwirtschaft, Logistik, Robotik, KI, dezentralen Infrastrukturen, Kreislaufwirtschaft und industrieller Dekarbonisierung genutzt werden.

Industrielle Wirkung

Ein wesentlicher Teil der Strategie ist die industrielle Dividende der Orbital Economy. Raumfahrt wird nicht als isolierter Sektor verstanden, sondern als Enabler nahezu aller Schlüsselindustrien. Spillover-Effekte sollen Mobilität, autonome Systeme, Industrie 4.0, digitale Zwillinge, Lieferkettenoptimierung, neue Produktionsverfahren, Nachhaltigkeitstechnologien und strategische Resilienz stärken. Damit wird Raumfahrt zu einem Multiplikator für Europas industrielle Wettbewerbsfähigkeit.

Rolle von SPRIND

Der Aufbau einer Orbital Economy gelinge nicht allein durch klassische Forschungsprogramme, sondern erfordere Sprunginnovationen, neue Märkte, privates Kapital und unternehmerische Ökosysteme. SPRIND soll die Arbeit von ESA und DLR ergänzen, indem sie technologische Durchbrüche beschleunigt, missionsorientierte Challenges aufsetzt und den Übergang von Technologie zu wettbewerblichen Märkten organisiert. Die Orbital Bioworks Challenge wird als erster Impuls genannt. Insgesamt versteht der Artikel die Orbital Economy als strategisches Zukunftsprojekt für Europas Souveränität, Wohlstand und Sicherheit – mit einem Zeitfenster für entschlossenes Handeln, welches sich unaufhaltsam schließt, während wir zusehen.

Quelle: https://cms.system.sprind.org/uploads/2060729_SPRIND_SPACE_MADE_IN_GERMANY_7157512aaf.pdf