Soeben hat bekanntermaßen die EU bei IRIS2, dem immerhin größten verteidigungspolitisch relevanten Raumfahrtprojekt aller Zeiten aus Brüssel, vertraglich eine starke gemeinsame Front mit ihren drei Großindustriepartnern gegen die jahrelang ohne rot zu werden beschworene 30-Prozent Beteiligung von KMU etabliert. Umso wichtiger ist es nun an den deutschen Auftraggebern aus Institutionen und Industrie, mit dem Satellitenprogramm der Bundeswehr – im Moment brandaktuell das Programm SATCOMBw4 – zu zeigen, wie und warum KMU umfassend in verteidigungsrelevante nationale und europäische Lieferketten einzubinden sind, und es damit besser zu machen als die Europäische Kommission. Denn dies ist nicht allein eine sehr wichtige wirtschafts- oder industriepolitische Frage, sondern berührt zudem unmittelbar die Sicherheits-, Verteidigungs- und Handlungs- und damit Zukunftsfähigkeit Deutschlands – und letztlich auch Europas und der NATO-Partner. Angesichts geopolitischer Unsicherheiten, steigender Verteidigungsausgaben, wachsender technologischer Anforderungen und fragiler globaler Lieferketten kommt einer breiten, innovationsfähigen und resilienten industriellen Basis besondere Bedeutung zu.
1. Sicherheit dank Resilienz und Souveränität
Eine starke Beteiligung einer Vielzahl von KMU erhöht die Resilienz der nationalen und europäischen Verteidigungsindustrie. Denn je breiter die Lieferantenbasis aufgestellt ist, gerne auch mit „Double Sourcing“, desto geringer ist das Risiko, dass einzelne Ausfälle, geopolitische Spannungen, Exportbeschränkungen, Cyberangriffe oder Rohstoffengpässe ganze Beschaffungs- und Produktionsketten gefährden. KMU schaffen zusätzliche industrielle Tiefe und bieten alternative Bezugsquellen. Damit stützen sie auch die großen Systemhäuser und reduzieren Abhängigkeiten, insbesondere von außereuropäischen Anbietern.
Darüber hinaus stärkt die Einbindung von KMU die strategische Souveränität Deutschlands und Europas. Verteidigungsfähigkeit setzt voraus, dass kritische Technologien, Subsysteme, Komponenten, Software, Wartungsleistungen und Produktionskapazitäten in verlässlichen nationalen und europäischen Strukturen verfügbar sind. Eine breit abgestützte industrielle Basis verbessert die Fähigkeit, in Krisen schnell zu reagieren, Ersatzteile bereitzustellen, Produktionskapazitäten hochzufahren und militärische Systeme weiterzuentwickeln.
KMU können zudem dazu beitragen, die Beschaffungsgeschwindigkeit zu erhöhen beziehungsweise das Hochfahren von Kapazitäten in der notwendigen Breite überhaupt erst zu ermöglichen. Moderne Landes- und Bündnisverteidigung verlangt nicht nur große Rüstungsprogramme, sondern auch schnell verfügbare Lösungen bei Satellitentechnik, Sensorik, Kommunikation, Cybersicherheit, Ersatzteilversorgung, Software, Datenanalyse und Logistik. In diesen und weiteren Feldern verfügen spezialisierte Raumfahrt-KMU häufig über marktreife oder kurzfristig anpassbare Produkte.
2. Sicherheit mit Innovation und Technologie
KMU sind in vielen technologischen Nischen besonders innovationsstark. Sie entwickeln unter anderem Lösungen in Bereichen wie Kommunikationstechnologien, Robotik, Sensorik, Optik, Werkstoffe und Strukturen, Präzisionsfertigung, additive Fertigung, Elektronik, Energieversorgung und -speicherung, Simulation und Embedded Systems. Diese Fähigkeiten sind für moderne Verteidigungsanwendungen von zentraler Bedeutung, werden aber nicht immer von großen Systemhäusern intern vollständig abgedeckt. Vorteil Dual-Use-Potenzial: Raumfahrt-KMU kommen in der Regel aus zivilen Hochtechnologiemärkten und können ihre Kompetenzen für verteidigungsrelevante Anwendungen nutzbar machen, ohne ausschließlich Teil der klassischen Rüstungsindustrie zu sein. Dadurch können Technologien schneller übertragen, Entwicklungszyklen verkürzt und zivile Innovationsdynamiken für sicherheitspolitische Zwecke erschlossen werden. Zugleich erhöht die Einbindung von KMU den technologischen Wettbewerb. Wenn mehr Anbieter Zugang zu verteidigungsrelevanten Lieferketten erhalten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bessere, kosteneffizientere und schneller verfügbare Lösungen entstehen. Wettbewerb wirkt innovationsfördernd, verhindert technologische Verengung und schafft Anreize für Qualität, Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit. IRIS2 ist insofern nicht gänzlich vergebens, wenn auch bestimmt nicht umsonst, als das es eindrucksvoll demonstriert, was passiert, wenn man auf diese Dinge allesamt verzichtet.
3. Sicherheit dank Industriepolitik und Ökonomie
Die Beteiligung von KMU stärkt den industriellen Mittelstand, der für die Zukunft Deutschlands und auch vieler anderer europäischen Volkswirtschaften eine tragende Rolle spielt. Verteidigungsrelevante Aufträge können neue Wachstumschancen eröffnen, Investitionen auslösen, Fachkräfte binden und hochwertige Arbeitsplätze in Entwicklung, Fertigung, Wartung und Digitalisierung sichern. Gleichzeitig profitieren regionale Wertschöpfungsketten, industrielle Cluster und Ausbildungsstrukturen.
Eine stärkere KMU-Beteiligung trägt außerdem zur Diversifizierung und Krisenfestigkeit der industriellen Basis bei. Und dies erst recht in Zeiten, da in Deutschland gerade rechnerisch 21 Unternehmen pro Stunde aufgeben. Große Systemintegratoren bleiben für komplexe Gesamtsysteme unverzichtbar ebenso wie ihre leistungsfähigen Zulieferer. Verzögerungen bei einzelnen Unterauftragnehmern können ganze Programme beeinträchtigen. Eine breitere mittelständische Lieferantenstruktur schafft Redundanz, zusätzliche Kapazitäten und mehr Flexibilität beim Hochlauf der Produktion.
Für KMU selbst ergeben sich langfristige Entwicklungsperspektiven. Verteidigungsprogramme laufen häufig über mehrere Jahre und können damit Planungssicherheit schaffen. Die Teilnahme an anspruchsvollen Projekten stärkt technologische Kompetenz, ermöglicht neue Referenzen und würde auch den Zugang zu internationalen Märkten signifikant stärken oder gar erst ermöglichen, insbesondere über 2030 hinaus. Europäische Konsortien bieten KMU die Chance, grenzüberschreitende Partnerschaften aufzubauen.
4. Sicherheit: Die europäische Perspektive
Auf europäischer Ebene kann die Beteiligung von deutschen KMU an interoperablen Militärprogrammen grenzüberschreitenden Kooperationen Wege bahnen, letztlich technologische Kompetenzen bündeln und verstärken. Eine gezielte KMU-Beteiligung stärkt nicht nur einzelne deutsche Unternehmen, sondern auch die europäische technologische und industrielle Verteidigungsbasis als Ganzes.
Hinzu kommt, dass europäische Lieferketten gegenüber globalen Schocks robuster werden, wenn kritische Fähigkeiten innerhalb Europas verfügbar sind und vor allem: verfügbar gehalten werden. Gerade bei sicherheitsrelevanten Komponenten, Software, Kommunikationstechnologien, Spezialmaterialien und -services ist europäische Verfügbarkeit ein wesentlicher Faktor für politische Handlungsfreiheit.
5. Sicherheit dank mittelstandsgerechter Beschaffung
Eine mittelstandsgerechte Beschaffung wird den Wettbewerb erhöhen und die Innovationsfähigkeit öffentlicher Vergaben verbessern. Voraussetzung ist, dass Ausschreibungen verständlich, digital, transparent und in geeigneten Losgrößen gestaltet werden. Zu große Lose, lange Zahlungsfristen oder späte Zahlungen passen für KMU nicht zu den hohen Vorfinanzierungsanforderungen und komplexen Zertifizierungsprozessen. Werden diese Hürden reduziert, kann der Staat auf ein deutlich breiteres Anbieterfeld zugreifen.
Fazit
Die Beteiligung von deutschen KMU an verteidigungsrelevanten Lieferketten in deutschen Programmen ist industriepolitisch sinnvoll, wirtschaftlich langfristig höchst ergiebig, sicherheitspolitisch notwendig und technologisch chancenreich.
KMU bringen Agilität, Spezialisierung, Innovationskraft, regionale Verankerung und zusätzliche Produktionskapazitäten ein. Sie stärken Versorgungssicherheit, technologische Souveränität, industrielle Resilienz und europäische Handlungsfähigkeit. Damit dieses Potenzial wirksam wird, müssen Beschaffung, Finanzierung, Zertifizierung und Regulierung konsequent mittelstandsgerecht ausgestaltet werden. Die Entscheidung der EU gegen alle genannten Argumente macht IRIS2 dennoch nicht unnütz: es kann auf immerhin höchstem Niveau noch immer zeigen, wie es ohne all dies läuft und bestätigt dabei stetig aufs Neue die Richtigkeit der BW-Entscheidung, in aller vernunftgebotenen Interoperabilität ihren eigenen Weg zu gehen.
KTR wird über die weiteren Schritte hin zu SATCOMBw4 berichten. Nächste Station: die sich in diesen Tagen und Wochen manifestierende Einbindung von KMU.
Quellen u. a.: https://klartext-raumfahrt.de/bundeswehr-macht-naegel-mit-koepfen-eigene-sat-konstellation-made-in-germany-good-bye-iris2/