Nach Berichten der Nachrichtenagentur AP vermuten zwei Geheimdienste aus NATO-Staaten, dass Russland eine neue Anti-Satelliten-Waffe entwickelt, um Elon Musks Starlink-Konstellation mit zerstörerischen, im Orbit schwebenden Splitterwolken anzugreifen. Ziel sei es, die westliche Überlegenheit im Weltraum einzudämmen, die dem ukrainischen Militär bisher so weitreichend geholfen hat.
Geheimdiensterkenntnissen zufolge, die der Nachrichtenagentur Associated Press vorliegen, soll eine sogenannte „Zonen-Effekt“-Waffe die niedrigen Erdumlaufbahnen (LEO) mit Hunderttausenden hochdichter Projektile fluten, um mehrere Satelliten gleichzeitig zu zerstören. Bei der Gelegenheit würden allerdings auch gleich russische und chinesische LEO-Satelliten mit vernichtet.
Der Kommandeur der Space Division des kanadischen Militärs, Brigadegeneral Christopher Horner, sagte, eine solche russische Entwicklung könne angesichts früherer US-Vorwürfe, Russland verfolge auch die Entwicklung einer nuklearen Weltraumwaffe, nicht ausgeschlossen werden.
Das französische Militärkommando für den Weltraum erklärte gegenüber der AP, man könne zu den Erkenntnissen keine Stellung nehmen, betonte jedoch: „Wir können Ihnen mitteilen, dass Russland in den letzten Jahren unverantwortliche, gefährliche und sogar feindselige Handlungen im Weltraum verstärkt hat.“
Laut den Erkenntnissen sieht Russland insbesondere Starlink als ernste Bedrohung an. Die Tausenden Satelliten im niedrigen Orbit waren für das Überleben der Ukraine gegen die inzwischen vier Jahre andauernde umfassende russische Invasion entscheidend.
Der Hochgeschwindigkeits-Internetzugang von Starlink wird von ukrainischen Streitkräften für die Kommunikation auf dem Schlachtfeld, Zielsteuerung von Waffen und andere Aufgaben sowie von Zivilisten und Regierungsbeamten genutzt, wo russische Angriffe die Kommunikation beeinträchtigt haben.
Weder die US Space Forces noch SpaceX, das Starlink betreibt, reagierten auf Anfragen nach Stellungnahmen.
Russische Offizielle haben wiederholt davor gewarnt, dass kommerzielle Satelliten, die das ukrainische Militär unterstützen, legitime Ziele sein könnten. In diesem Monat erklärte Russland, dass ein neues bodengestütztes Raketensystem, das S-500, einsatzbereit sei, das in der Lage ist, Ziele im niedrigen Orbit zu treffen.
Im Gegensatz zu einer Rakete, mit der Russland 2021 einen ausgedienten Satelliten aus der Zeit des Kalten Kriegs zerstörte, würde die neue in Entwicklung befindliche Waffe laut den Erkenntnissen mehrere Starlink-Satelliten gleichzeitig angreifen. Die Projektile könnten dabei möglicherweise von noch zu startenden Formationen kleiner Satelliten freigesetzt werden.
Horner aus Kanada sagte, es sei schwer vorstellbar, wie solche Projektilwolken gezielt nur Starlink treffen könnten und dass Trümmer aus einem solchen Angriff „schnell außer Kontrolle geraten“ könnten.
„Wenn man eine Kiste voller Stahlkugeln sprengt“, sagte er, „würde das einen ganzen Orbitbereich abdecken und jeden Starlink-Satelliten sowie alle anderen Satelliten im selben Orbit zerstören. Und das ist der Teil, der wirklich beunruhigend ist.“
Das System befinde sich in aktiver Entwicklung, und Informationen über den Zeitpunkt einer möglichen Stationierung seien zu sensibel, um geteilt zu werden, sagte ein mit den Erkenntnissen und weiteren Geheimdienstinformationen vertrauter Beamter, den die AP nicht namentlich nennt.
Die Erkenntnisse besagen, dass die Projektile so klein sein könnten – nur wenige Millimeter groß – dass sie von boden- und weltraumgestützten Systemen zur Überwachung von Weltraumobjekten unentdeckt bleiben würden, was es erschweren könnte, Moskau für einen Angriff verantwortlich zu machen.
Clayton Swope, Experte für Weltraumsicherheit und -bewaffnung am Center for Strategic and International Studies, einem sicherheitspolitischen Think-Tank in Washington, sagte: „Wenn die Projektile nicht verfolgbar sind, erschwert das die Sache“, aber „die Leute würden es herausfinden.“
„Wenn Satelliten plötzlich mit Schäden ausfallen, kann man eins und eins zusammenzählen“, sagte er.
Nach einem solchen Angriff könnten die Projektile und Trümmerteile im Laufe der Zeit zur Erde zurückfallen und dabei möglicherweise weitere im Orbit befindliche Systeme beschädigen, etwa auch die ISS und die chinesische Raumstation. Im Prinzip wäre dies das vorläufige Ende der Nutzung des LEO – und zwar für alle. Wie begeistert China von der Idee ist, wurde nicht überliefert.
Allerdings ähnelt die Story einer ebenfalls nicht weiter verifizierten Erzählung aus der Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Damals tauchten angeblich geheime Planungen für eine russische Antwort auf ein funktionierendes SDI der Amerikaner auf: eine gewaltige Rakete mit der Fähigkeit, gegen die Erdrotation zu starten, sollte angeblich den US-Satelliten entgegeneilen und dabei ihre Ladung, riesige Mengen an kleinsten Schrottteilen, in einer großen Zerstörungswolke auf Kurs zur Kollision mit rund 50.000 km/h Aufprallgeschwindigkeit aussetzen. Auch dabei wäre am Ende nichts mehr übriggeblieben.
Was solche Geschichten bei aller Unbeweisbarkeit in der Sache am Ende doch beweisen, ist die alte Erkenntnis: Wer Angst schürt, braucht (fast) keine andere Waffe mehr.