…und was man daraus lernen könnte…
Die Zeit nahm jüngst die erfolgreiche Mondumrundungsmission Artemis 2 zum Anlass, auf die Mondpläne der ESA zu verweisen und zitierte ESA-Direktor Neuenschwander mit den Worten: „Wir sind zurück im Spiel“. Gemeint ist damit, dass die ESA bis 2031 eigene Kapazitäten für die Eroberung des Mondes aufbauen und noch vor 2040 eine permanente Präsenz sicherstellen will. Zuvor soll dann auch schon 2028 ein deutscher ESA-Astronaut mit einer US-Mission auf dem Mond gelandet sein.
Die Informationen der ZEIT sind kurz, nüchtern formuliert und neutral gefasst – beste Bedingungen also, um sie einfach nur ebenso kurz zu überfliegen oder vielleicht auch erst gar nicht richtig zur Kenntnis zu nehmen. Doch was sich dann in kürzester Zeit zu einem Shitstorm der Kommentare entwickelte, hätten wohl weder die Redakteure der ZEIT noch die Mitglieder des ESA-Direktoriums erwartet. 235 Meinungsäußerungen, darunter kaum ein gutes Wort, dafür aber streckenweise ganz offenbar mit Herzblut getextete Protestzeilen: Die ESA trifft mit ihrer Ankündigung offenbar genau den zentralen Nerv, der für die Auslösung maximalen Schmerzempfindens zuständig ist. Und – auch das gehört zur Wahrheit – sie trifft diesen Nerv ausgerechnet bei den Lesern der ZEIT und damit einer Klientel, die sie aus gutem Grund sicher lieber zu jenen zählen würde, die ihr Tun und Treiben versteht, gutheißt und unterstützt.
Da es zumindest bis jetzt keinen Grund gibt für die Annahme, es sei das Ziel der ESA, möglichst viele Rezipienten ihrer Ideen auf die Palme zu treiben, ist es also vielleicht einen Versuch wert, aus diesem PR-Unfall etwas für die Zukunft zu lernen und die Kommentare näher zu analysieren.
Den Aufschlag führt ein Kommentator, der schon mit seinem Pseudonym „M. Aurelius“ von Anfang an klarmacht, dass man es hier mit inhaltlich Anspruchsvollem im Gewand geschliffener Rhetorik zu tun bekommt. Und in der Tat setzt er gleich vier der fünf Säulen des Protests auf einmal, auf die sich die nachfolgenden Beschwerdeführer mit unterschiedlichen Gewichtungen abstützen.
Säule 1: Mondambitionen sollen nur davon ablenken, dass wir in Deutschland und Europa nichts mehr auf die Reihe bekommen:
- „Europa will also zum Mond. Das ist beruhigend – nicht, weil wir da unbedingt hinmüssen, sondern weil wir hier unten offensichtlich nichts mehr hinbekommen.“
- „Das ist die ultimative Lösung für fast alles! Wir haben in diesem Land eine Infrastruktur, die so marode ist, dass man Angst haben muss, beim Betreten einer Brücke direkt im Hades zu landen. Wir haben eine Bürokratie, die so effizient ist wie ein Amboss beim Wettschwimmen. Aber 2040? Da siedeln wir auf dem Trabanten!
Und „One fine day“ ergänzt stellvertretend für viele andere: „Das sind ja endlich mal sinnvolle Ausgaben. Nicht so Gedöns wie Straßen, Brücken und Glasfaser.“
Säule 2: ESA wird mit Brüsseler EU-Regentschaft gleichgesetzt:
- Während die Schulen sich in antike Ruinen verwandeln, die Digitalisierung in Deutschland immer noch auf dem Niveau eines gut gepflegten Faxgeräts operiert und das Gesundheitssystem klingt wie ein Asthmatiker im Endspurt – da sagt man in Brüssel: ‚Wir bauen jetzt eine Station auf dem Mond.‘
Unterstützung an dieser Stelle von „Hemmetom“, der jener eine Präsenz auf dem Mond planenden „EU-Institution“ seinen Segen gibt, wenn „sie Frau von der Leyen mitnehmen und dort vergessen“.
Säule 3: Falsche Reihenfolge der Prioritäten: Nicht Europa kommt zuerst:
- Verstehen Sie das nicht? Sobald der erste europäische Stiefel in diesen grauen Staub tritt, lösen sich unsere Probleme in intergalaktischem Wohlgefallen auf! Die Energiekrise? Wir importieren einfach ein bisschen Mondlicht! Der Pflegenotstand? Wir schicken die Rentner zur Kur in die Schwerelosigkeit – da fällt das Aufstehen auch mit künstlicher Hüfte leichter, weil der ganze hinfällige Körper nichts mehr wiegt! Das ist politisch konsequent. Wenn man die Probleme auf der Erde nicht löst, verlagert man einfach den Bezugsrahmen.
Säule 4: Die Mondpläne sind Ausdruck einer durch nichts gerechtfertigten Überheblichkeit:
- „Wir sind zurück im Spiel.“ Ja – allerdings spielen die anderen Schach, und wir bauen noch die Figuren zusammen.
„Qtto 456“ sekundiert hier mit diesem Hinweis:
- „Die Formulierung „…. plant bis 2040“ sagt alles aus. Wenn sich die üblichen Verzögerungen bei öffentlichen Bauvorhaben anschaut, kommt man ins Grübeln. Die Bauzeit für eine popeligen Bahnhof in Stuttgart beträgt über 20 Jahre, für einen Flughafen in Berlin hat man über 14 Jahre gebraucht. Vermutlich hat Elon Musk bis dahin schon eine Siedlung auf dem Mond und man bucht dort ein Apartment.“
„Roosters“ ergänzt:
- Haha, guter Witz. Europa plant irgendwas auf dem Mond. Träumt weiter.
Eine fünfte Säule ergänzt beispielsweise „Burk W.“: „Raumfahrt zum Mond ist sinnlose Geldverschwendung“:
- Was will Europa denn auf dem Mond? Steine sammeln… die Tiefe von Kratern vermessen…nach Wasser bohren oder zum hundertsten Mal herausfinden, wie alt der Mond ist? Es reicht doch, wenn China und die USA sich mühsam auf dem Mond ein paar Iglus bauen und von dort zum Mars reisen, um dort auch ein paar Iglus zu bauen und dafür Milliarden an Geld verplempern.
Das findet auch „Sportbilly“:
- Diese Sehnsucht nach der feindlichsten Umgebung in unserer Existenz ist geradezu trumpesk. Wann wird man endlich verstehen, dass es im Weltraum nix zu holen gibt…
Und Unterstützung kommt auch von tggzge2z“:
- „Die Fahrt zum Mond hat sich gelohnt, denn jetzt wissen wir mit Sicherheit, dass sich die Fahrt zum Mond nicht lohnt“
Insgesamt nur vier der 235 Kommentare beleuchten die Argumente für die Umsetzung von Mondambitionen der ESA aus einer etwas freundlicheren Perspektive. Insgesamt jedoch – Repräsentativität solcher Kommentarleisten hin oder her – lässt der Shitstorm in der ZEIT diese nüchternen Schlussfolgerungen ziehen:
- Mondambitionen erklären sich nicht von alleine, und schon gar nicht alleine aus emotionaler Sicht. Jeder Euro dafür braucht rüttelfeste und flächendeckend wirksame Argumentation.
- Wenn die ESA sich nicht sehr deutlich als eigenständige Institution von der EU abgrenzt, kann sie nur an Image verlieren.
- Es ist offenbar noch nicht gelungen, die Rolle Deutschlands in der Raumfahrt Europas flächendeckend so darzustellen, dass ihr Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft des Landes erkennbar werden.
- Vorsicht mit den ganz großen Tönen, vor allem in Deutschland. Die Zeiten, da die Glaubwürdigkeit einer Sache direkt proportional zur Lautstärke ihrer politischen Verkündigung zunahm, sind lang vorbei.
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/2026-04/europaeische-raumfahrt-esa-mondmission-forschungsstation-gxe