Kommentierende Darstellung der EU-Verlautbarung vom 7. August zu IRIS2
Wie noch vor wenigen Tagen angekündigt, hat die EU-Kommission nun offiziell am 7. August den Abschluss der seit Dezember 2024 – und unter dem Stichwort „Rendezvous-1“ seit Januar 2026 – laufenden Verhandlungen mit SpaceRise um Konzipierung, Finanzierung und Technik des Programms bekannt gegeben. Konkretes Ergebnis 1: IRIS2 wird teurer, und man einigte sich darauf, die Rechnung an die zu schicken, die bei den Verhandlungen nicht dabei waren: die EU-Mitglieder, die einerseits ein auch für IRIS2 exorbitant wachsendes EU-Budget 2028-2024 über ihre Beiträge finanzieren und andererseits noch obendrein freiwillige Zusatzgaben leisten sollen. Über die Höhe der Mehrkosten gibt die EU in ihrem Statement keine Auskunft; als Orientierung aber dient im Papier die lobende Erwähnung von Schecks aus Polen (656 Millionen Euro), Ungarn (500 Millionen Euro) sowie von angekündigten 1,6 bis 2 Milliarden Euro aus Spanien.
Konkretes Ergebnis 2: Die geplante Konstellation erhält 66 zusätzliche Satelliten auf LEO, gesamt also 330, bei 18 bleibt es auf MEO, von GEO ist trotz „multiorbitaler“ Konzeption schon länger keine Rede mehr. Inwieweit diese Erhöhung der Satellitenzahl dem konkreten Ergebnis Nummer 3 geschuldet ist, dass nun auch Belgiens Satellitenhersteller Aerospacelab ins erweiterte Industriekonsortium des Programms aufgenommen wurde und hier etwa Aufträge erhalten soll, ohne das Portfolio anderer zu schmälern, ist zwar nicht direkt überliefert. Allerdings freut sich die zuständige Föderalministerin Belgiens, Vanessa Matz darüber sehr und lässt sich mit den Worten zitieren, „der Auftrag“ zeige, wie stark die belgische Raumfahrtindustrie in letzter Zeit gewachsen sei. Und auch Aerospacelab selbst spricht in einerm parallel versandten Schreiben von einem Auftrag zur Herstellung von Satelliten.
Offiziell dienen die zusätzlichen Satelliten einer Erhöhung der sicherheits- und verteidigungsrelevanten Kapazitäten der Konstellation für Europa im Krisenfall um 60 Prozent – was die ebenfalls nicht beantwortete Frage aufwirft, wie es sein kann, dass die ursprünglichen 264 LEO-Sats offensichtlich mit so geringen Kapazitäten für die besonderen Ansprüche im Krisenfall ausgerüstet waren, dass nur 66 Stück mehr die Fähigkeiten der ganzen Konstellation aus 348 Einheiten nun so enorm steigern können. Auf jeden Fall tritt mit Aerospacelab ein europäisches Vorzeige-Startup dem Club der Auserwählten bei, was den Umstand in den Hintergrund treten zu lassen geeignet ist, dass – konkretes Ergebnis Nummer 4 – von 30 Prozent KMU-Quote nun endgültig keine Rede mehr ist, sondern nur noch von einer Vielzahl von beteiligten Unternehmen entlang der europäischen Lieferkette sowie von Chancen für das Einbringen von Innovationen durch KMU und Midcaps.
Konkretes Ergebnis Nummer 5: Die „Vorverlegung“ des Startdatums für die Konstellation auf 2029. Man erinnere sich: Wäre es nach Exkommissar und Erfinder von IRIS2, Thierry Breton gegangen, hätten erste Dienste 2026 und Full Service 2027 angelegen. Mittlerweile sind, auch dank düsterer Prognosen aus höchsten Kenntnis-Kreisen der beteiligten Industrie, Startdaten in den 30ern zum Normalfall der Annahmen geworden. Die von der EU betonte „Beschleunigung“ des Programms durch „Vorverlegung“ des Startdatums bleibt daher ohne fertige Satelliten und ohne erfolgreich reservierte Flugtickets der Ansatz zu einer rhetorischen Vollbremsung, um das Rätselraten um den Programmbeginn einzuhegen. Dass sich die Kommission überhaupt traut, dies neben der Erhöhung der Satellitenzahl als Begründung zusätzlicher Forderungen an die Mitglieder anzuführen, könnte man wahlweise als besorgniserregenden Realitätsverlust deuten oder als grenzenlose Überheblichkeit gegenüber denen, die sie finanzieren.
Die Bekanntgabe eines konkreten Ergebnisses Nummer 6 ist dann der Versuch, alle restlichen Zweifel an konkreter Realität des Programms in einem Zug zu zerstreuen. So heißt es im Communiqué: „Seit Dezember 2024 konzentrieren sich das SpaceRISE-Konsortium und die Kommission auf die Detaillierung des Systemdesigns, die Zuweisung industrieller Arbeitspakete und die Vorbereitung einer groß angelegten Beschaffung für Satelliten, Startdienste und Bodeninfrastruktur. Gleichzeitig haben sie die Konstellationsarchitektur und die Sicherheitsanforderungen weiter verfeinert“; diese Arbeiten seien nun am 7. August durch die Einigung mit SpaceRise abgeschlossen. So hält Verlautbarung der EU fest, dass jetzt „nur“ noch die Satelliten zu bauen, eine sichere Bodeninfrastruktur entwickelt (und irgendwann sicher auch gebaut) und genügend Raketen reserviert werden müssen, (die es bisher nicht gibt), um alles dann pünktlich in drei Jahren ins All zu schaffen. Da dies eher eine Feststellung von Dingen ist, die noch zu tun sind, als ein Resultat bereits abgeschlossenen Handelns, bleibt auf der Suche nach einem konkreten Ergebnis Nummer 7 nur noch dieses: Die Kommission informierte mit einem offiziellen Brief das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten über das Resultat der Verhandlungen und die anstehende Umsetzungsphase. Allerdings ist das Konkrete an diesem Punkt nicht der Inhalt, sondern die Form.
Fazit: Die Kosten steigen, die KMU-Quote fällt, der Zeitplan stammt aus Wünsch`Dir was – IRIS2 bleibt voll auf Kurs.
Auf Kollisionskurs mit der Wirklichkeit.
Quellen: https://brf.be/national/2098061/
https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_26_1726
Information über Satellitenauftrag Iris2 von Aerospacelab an KTR am 7.8.2026