Wie auch immer im wahren Leben die Marketingunterstützung für den Verkauf gestaltet wird, abonniert auf die Krone der Aquisition sind immer nur sie: die Helden des Haustürgeschäfts. Und was für Staubsauger, Putzmittel und Versicherungen recht ist, kann für sichere Satelliten nur billig sein. So ging auch EU-Kommissar Kubilius jüngst für IRIS2 in Europa um und öffnete mit internationaler Offensive die Perspektive auf neue Finanzierungs-Partner: Großbritannien, Norwegen und Island. Darüber hinaus will er auch nicht ausschließen, dass auch die Ukraine, die seit Kriegsbeginn von Starlink mit Kommunikationsleistungen versorgt wird, zur Nutzung von IRIS2 übergehen könnte. Er würde nicht dagegen opponieren, diese Länder als Mitfinanziers von IRIS2 zu begrüßen, gab sich Kubilius generös. Und damit etwas zu großzügig für den eher an Understatement orientierten britischen Geschmack. Denn Wissenschaftsminister Chris Bryant erklärte postwendend vor dem britischen Oberhaus, IRIS2 habe keine Chance darauf, es in die Liste der Top-Prioritäten der britischen Regierung zu schaffen und begründete dies mit dem entsprechenden und Großbritannien nicht zumutbaren finanziellen Aufwand. Damit konterte er die Hoffnung des EU-Kommissars auf eine simple Mechanik: Finanzlücken sollen einfach durch eine Verbreiterung der Einzahlerbasis verkleinert werden.
Umgekehrt bedeutet dies, dass die EU wohl selbst nicht so recht an ihre eigenen Verträge glaubt. Denn nach den mit dem Space-Rest-Rise-Konsortium im Dezember 2024 getroffenen Vereinbarungen ist IRIS2 für die nächsten 12 Jahre gesichert – oder? Oder eben nicht. Denn die Zusage von EU-Mitteln in Höhe von knapp 7 Milliarden Euro hat ohne einen verbindlichen Mittelfrist-Haushalt der EU ab 2027, um den wohl noch sehr lange heftig gerungen wird, keine hundertprozentig belastbare Grundlage, genauer gesagt: hier klafft eine 4,6 Milliarden Euro große Lücke. Andererseits hat die EU ja schon traditionell den Mut zur selbigen, und außerdem wird bis 2027 ja auch erst klar, um welchen Faktor konkret die Kosten auch darüber hinaus dann wieder gestiegen sein werden – und das auch ohne einen einzigen Satelliten am Himmel zu haben. Teurer werden kann es immer, und nach dem ehernen Gesetz der Serie in Sachen Salamitaktik bei Raumfahrt-Großprojekten stehen die Chancen dafür ausgezeichnet. Geld für IRIS2, so sieht es also von oben betrachtet aus, kann man nie genug haben.
Damit ist es sehr sinnvoll aus der Perspektive der EU-Kommission, eben weitere Scheckbuch-Akteure sozusagen auf Vorrat zu aquirieren. Allerdings sieht die Sache aus deren Blickwinkel wohl etwas anders aus. So gab sich die norwegische Industrieministerin Cecilie Myrseth, die auch für die Raumfahrtaktivitäten des Landes zuständig ist, im Interview zum Thema norwegische Mitfinanzierung für IRIS2 sehr zugeknöpft, unterstrich allerdings, dass Norwegen als Mitglied der ESA großen Wert auf seine vollständig integrierte Rolle legt. Über ansonsten von Kubilius offenbar angeregte Bareinlagen des Landes wollte sie sich nicht äußern, verwies stattdessen darauf, dass das Land mit dem Startplatz Andoya und den Bodenstationen auf Svalbard schon wertvolle Raumfahrtinfrastruktur einbringe. Vor dem Hintergrund sieht sie einer raschen Einigung mit der EU zuversichtlich entgegen. Auch werde eine von Kubilius ins Gespräch gebrachte Ablösung von Starlink durch das teurere IRIS2 in der Ukraine nichts an der Unterstützung Norwegens für das überfallene Land ändern, erst kürzlich seien die Mittel für das Nansen-Programm um vier Milliarden Kronen erhöht worden – eine sehr diplomatische Abfuhr für die Vorstellung, Norwegen werde Mehrkosten von IRIS2 für die Abkehr von Starlink in der Ukraine direkt und außerhalb der im Nansen-Programm kombinierten Unterstützung des Landes zu übernehmen.
Soweit also die ernüchternden Reaktionen Großbritanniens und Norwegens auf die hoffnungsvolle Attacke der EU. Im Kontext der Berichterstattungen über die Bemühungen des Kommissars um zusätzliche Finanzzusagen aus bisher nicht direkt angezapften Quellen war sodann auch zu vernehmen, Island habe seine Überlegungen zur Beteiligung des Landes an IRIS2 mittlerweile abgeschlossen. Um direkt in den drei Zielgebiete zu operieren, hatte sich der EU-Außendienst aus Präsidentin und Kommissar aufgeteilt, wobei die Chefin die Bearbeitung der isländischen Premierministerin Frostadottir übernommen hatte. Vor dem Hintergrund, dass Island nun die EU-Mitgliedschaft anstrebt, standen die Chancen dann wohl auch nicht schlecht, die „freiwillige“ Mitfinanzierung von IRIS2 gleich als sine-conditio-qua-non-Kröte mundgerecht in das Gesamttableau einzubauen. Und schon 2023 hatte Island ja bestätigt, dass man sich wunschgemäß mit dem Thema IRIS2 beschäftigen würde. Nach den jüngsten Gesprächen erfolgte nun aber nur die nebulöse Mitteilung Islands gegenüber den internationalen Medien, man habe die Beratungen zum Thema IRIS2 abgeschlossen, machte aber zum Ergebnis überhaupt keine Angaben. Auch im nachfolgend bemühten direkten Kontakt mit KTR am 11. August hielt sich das isländische Außenministerium in der Frage IRIS² vollkommen – und damit vielsagend bedeckt: denn diese Haltung wäre im Falle eines Beschlusses für den Einstieg bei IRIS2 völlig unverständlich.
Mit welch verwinkelten Argumenten die EU in den kommenden Tagen auch immer den dreifachen Reinfall im Norden in einen phantastischen Erfolg für IRIS2 umwerten wird – die Welt dreht sich weiter und auch weiter südlich nicht um IRIS2. So gaben die Joint-Venture-Partner von GovSat, die luxemburgische Regierung und SES, die Entwicklung ihres zweiten Satellitenprojektes – GovSat-2 – für sichere regierungs- und Militärkommunikation bekannt. Ziel ist es, die sicheren Satellitenkommunikationsdienste für Regierungen in Europa, Naher Osten und Afrika sowie aus Gebieten über dem Atlantik und dem Indischen Ozean, einschließlich Mittelmeer und Ostsee deutlich auszubauen. Er soll auf einer Plattform von Thales Alenia Space basieren und zusätzliche, besonders geschützte Funkkapazitäten für Behörden und Armeen in den UHF-, X- und militärischen Ka‑Bändern bereitstellen. Der Satellit wird so ausgelegt, dass er besonders robust ist, Störversuche (Jamming) abwehren kann und Signale genau ortet, damit die Verbindungen künftig sehr sicher und zuverlässig sind.
GovSat‑1 unterstützt seit 2018 Luxemburgs Verteidigung, EU‑ und Nato‑Staaten sowie das US‑Verteidigungsministerium, etwa bei Einsätzen, der Vernetzung von Standorten, Grenzschutz und Aufklärung/Überwachung. Angesichts der angespannten Weltlage sehen Verteidigungsministerin Yuriko Backes (DP) und SES‑Chef Adel Al‑Saleh einen wachsenden Bedarf an eigener ausbaufähiger Militär‑Satellitenkommunikation. Der zweite Satellit soll genau dafür zusätzliche Kapazitäten liefern, denn der erste ist vollkommen ausgelastet. Die Regierung hat das Parlament um Zustimmung zur Allokation von 301 Millionen Euro für das Projekt über 12 Jahre gebeten, zuzüglich einer strategischen Reserve von 200 Millionen Euro zur Deckung von Ausgaben, die zwischen 2025 und 2040 aufgrund geopolitischer Ereignisse und/oder unvorhersehbarer operativer Handlungszwänge erforderlich werden könnten. Ob Großbritannien oder Norwegen, ob Island oder Luxemburg: Die Größe des Landes hat offensichtlich keinen Einfluss darauf, dass man sich am ehesten mit dem sicher fühlt, was man selbst konstruiert und kontrolliert– und wohl weniger mit dem, was der Außendienst der EU auf den politischen Wegen des Haustürgeschäftes anzubieten hat. Damit dürfte auch die Bundeswehr und mit ihr diese Republik mit dem Antritt, ihr eigenes Ding in Sachen Konstellation zu machen, goldrichtig liegen.
Quellen:
https://www.theregister.com/2025/07/05/uk_budget_to_join_iris_not_there/