Herr Dr. Pfeiffer, alle Welt redet vom Mond, das ist nicht unbedingt neu in der Branche. Aber jetzt scheint wirklich ein ernsthaftes Rennen in Gang zu kommen. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?
Ja, es ist offenbar einfach Zeit für neue Dimensionen, und das aus folgenden Gründen:
* Der Mond befeuert die Inspiration, technologische Grenzen hinauszuschieben,
* Der menschliche Forschungsdrang findet hier ein dankbares, weil wirklich weites Feld
* und letztlich geht es auch um strategische Positionierung: wer sichert sich die besten Plätze auf dem Trabanten– und spätestens da wird es dann noch weitaus ernster als bei der Platzreservierung mit Handtuch am Strand.
Und wo lockt das Geschäft mit dem Mond?
Kommerziell sehe ich selbst noch nicht die Zeit gekommen. Auch bei der ISS vor 30 Jahren träumte man stets von kommerzieller Nutzung, bisher sehe ich das immer noch nicht erreicht. Das ist aber kein K.O.-Argument. Europa kann hier in der Gemeinschaft Großes aufbauen und sich weithin sichtbar positionieren, und ganz selbstverständlich muss Deutschland hier eine große Rolle spielen. Und natürlich hoffen viele Raumfahrtfirmen aus diesen institutionellen Programmen auf Geschäft.
In welchen Schritten sollte das vonstatten gehen?
Erst mal geht es m.E. um Infrastruktur wie Landeorte, Energieerzeugung, Kommunikation und Navigation. Dann müssen die ersten Forschungsmodule folgen, etwa für die Astronomie und – warum nicht? – zum Horchen nach fremden Signalen in den Weiten des Alls. Argonaut und NovaMoon sind hier erste prominente Programme. Auch die OASIS-Studie bei OHB bringt sicher superbe Ergebnisse. Robotik aus Europa darf natürlich nicht fehlen, auch wenn ich den State-of-the Art aus Europa schwierig sehe im Vergleich zu den humanoiden Robotern aus Amerika und China.
Welchen Nutzen kann dies alles denn schon in der Aufbauphase hier auf der Erde entfalten?
Politisch wie industriell kann sich der sogenannnte sozio-ökonomische Gesamtnutzen allerdings nur voll entfalten, wenn das ganze Raumfahrt-Ecosystem beteiligt ist. Es wird vielleicht 10-20% teurer, wenn wir den Aufbau unter Georeturn- und Aspekten der industrial Policy durchführen. Aber nur durch solch einen Ansatz kann sich jeder Europäer damit identifizieren, also aus jedem Land, und jeder Mitarbeiter aus jedem Industriezweig, groß oder klein, Konzern, Mittelstand oder kleine Unternehmen.
Das bedeutet dann auch eine sichtbare KMU-Beteiligung?
Bei all den oben genannten Programmen hoffe ich natürlich auch, dass KMU aus Deutschland hier massgeblich beteiligt werden mit ihren Ideen und Technologien. Ich sehe einen lieferbaren KMU-Anteil von 15-20%, bei den sogenannten Midcaps einen Anteil von 20-30 %, dann wird das europäische Mondprogramm eine wirklich gemeinsame Anstrengung – filmreif, mit Erfolgen, die in ganz Europa gefeiert werden. HPS selbst wirft bei dem Thema Mond das ganze Portfolio als Equipment-Lieferant und Subsystem-Verantwortlicher mit ein: Antennen, Strukturen, Thermale Hardware und alles was sich entfalten muss. Ein Konzernanteil mit großer vertikaler Tiefe würde das Gegenteil bewirken. Europa tickt anders als die USA, und das ist Europas Stärke mit nachhaltiger Substanz.
Und wie sehen Sie die astronautische Mondfahrt?
Die bemannte Mondfahrt vollkommen selbstständig aus Europa heraus – inklusive einer bemannten ARIANE – würde ich im Moment nicht priorisieren, es sei denn alle europäischen Staaten zahlen ein paar zusätzliche Milliarden pro Jahr in die ESA ein.
Wir sollten aber auch bei allem Lockruf des Mondes nicht vergessen, wo Europa auch seine Stärken hat: Erdbeobachtungsprogramme wie Copernicus oder alles um SpaceSafety und Navigation sollten bei kommenden Beschlüssen auch weiterhin als Schlüsselprogramme ihren festen Platz haben.
Das Gespräch führte KTR-Chefredakteur Dr. Franz-Peter Spaunhorst