Klartext Raumfahrt

Nihil fit sine causa

Nachhaltige Raumfahrt – KTR im Gespräch mit Dr. Ernst Pfeiffer

Dr. Ernst Pfeiffer

KTR: Das Stichwort von der nachhaltigen Raumfahrt ist seit einiger Zeit in aller Munde. Nun geraten Begriffe von derartiger Popularität auch sehr schnell zu einer Art Modeerscheinung. Wie würden Sie die Bedeutung von nachhaltiger Raumfahrt einordnen, sagen wir, auf einer Skala von 1 bis 10?

Pfeiffer: Ganz klar bei 11. Warum? Ein sicherer Platz im Weltraum, besonders in den Höhenbereichen des Niedrigen und des Mittleren Erdorbits, ist die Voraussetzung dafür, dass Raumfahrt überhaupt möglich bleibt. Im Zentrum aller Bemühungen um Nachhaltigkeit steht daher vollkommen zu Recht die Frage, wie wir sofort weiteren Müll vermeiden und wie wir mit dem bestehenden Müllproblem umgehen.

KTR: Die Diskussion dazu läuft seit langem. Welches Patentrezept zeichnet sich mittlerweile ab?

Pfeiffer: Es gibt in der Frage nicht die eine Lösung, nicht das eine Patentrezept. Stattdessen lassen sich zwei hauptsächliche Aktionslinien ausmachen. Die eine betrifft Mittel und Wege, bereits im Raum befindlichen Schrott einzusammeln. Das ist eine Sisyphos-Aufgabe, denn wir sprechen hier von fast 40.000 Objekten größer als 10 cm, einer Million Objekte in der Größe von 1 cm bis 10 cm und 330 Millionen Objekte in der Größe von 1 mm bis 1 cm auf den Umlaufbahnen um die Erde. Dazu kommen ganze Satelliten, die am Ende ihres Einsatzes viele Jahre für den Abstieg ins reinigende Feuer des Wiedereintritts in die Atmosphäre benötigen. Eine ganze Reihe technischer Konzepte verschiedener Unternehmen in der Welt zum Aufbau einer Art Müllabfuhr im All steht zur Debatte, dieser Flut potentieller Gefahren für alle kommenden Missionen Herr zu werden. Bis das ganze operativ ist und eine nennenswerte Menge von Müll abtransportieren kann, dauert das noch ein paar Jahre.

 
Unser Weg bei HPS dagegen zielt darauf ab, in Zukunft erst gar keinen Schrott entstehen zu lassen. Dafür haben wir in über zehn Jahren intensiver Entwicklung die Produktlinie des ADEO Bremssegels zur vollumfänglichen Einsatzreife auf Toplevel TRL9 gebracht. Für jeden Satelliten, von den Größenordnungen Cube/Mini/Small bis zum Anderthalbtonner, auf Einsatzhöhen vom tiefsten LEO bis fast tausend Kilometer haben wir das passende Produkt aus unserer dafür in bester NewSpace-Manier eingerichteten Serienfertigung. Mit ADEO verschwinden die ausgedienten Satelliten in 1-4 Jahren, je nach gewählter Segelgröße. Das ist momentan die effektivste und günstigste Methode gegen weitere Vermüllung im Raum.

KTR: Nun gibt es ja Sonntagsreden und Alltagshandeln …

Pfeiffer: Ja, natürlich ist das so, und warum sollte das auch in der Raumfahrt anders sein? Anfänglich wurde zum Beispiel die im letzten Jahr eingeführte neue Regel, einen Satelliten in maximal nun fünf statt wie zuvor noch in 25 Jahren aus dem Raum zu entfernen, von den meisten noch nicht so ganz ernst genommen. Seit aber SpaceX als absoluter Marktführer im Raumtransport klargemacht hat, dass mit seinen Trägern kein Satellit mehr nach oben kommt, der nicht ausgerüstet ist, innerhalb von maximal fünf Jahren wieder nach unten zu kommen, sehen wir einen monatlichen Anstieg der Anfragen unserer Kunden, in den letzten 6 Wochen sogar mit großer Nervosität in der Stimme. Denn die 5-Jahres-Regel gilt wohl strikt für alle Starts ab Oktober 2024 und damit für jeden Satelliten in der aktuellen Fertigung.

KTR: Mit dem Produkt ADEO haben Sie eine Alleinstellung, dennoch reihen Sie sich auch in Aktionsinitiativen mit vielen anderen ein.

Pfeiffer: Ja, hier ist vor allem unsere Mitarbeit bei der Gestaltung der Zero Debris Initiative der ESA zu nennen. Das ESA-Charter dazu wird in den Mai/Juni im Rahmen einer großen Zeremonie unterschrieben. Auch unsere Mitgliedschaft in der Net Zero Space Initiative ist interessant zu nennen. Sie bringt mittlerweile fast siebzig Branchenführer, Organisationen und Experten aus verschiedenen Bereichen zusammen, um gemeinsam konkrete Lösungen zur Bekämpfung des Weltraummülls zu finden. Auch mit der gemeinsamen Kraft dieses Verbundes wollen wir den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Nutzen des Weltraums erhalten. Auch bis hoch auf UN-Level bereits nun über Maßnahmen gegen Weltraumschrott debattiert.

Wir bei HPS glauben, dass Nachhaltigkeit sowohl eine Verantwortung als auch eine Chance für Innovationstreiber wie uns ist. Und ganz wichtig: Wir haben das Gefühl, dass wir als Teil der Initiative bei den richtigen Leuten sind, denen der kurzsichtige Blick auf den vergänglichen Vorteil des Augenblicks völlig fremd ist.