Die Internationale Raumstation soll nach mehr als drei Jahrzehnten Betrieb Anfang der 2030er-Jahre kontrolliert über dem Südpazifik verglühen und abstürzen. Während NASA und Partner den Schritt als sicheren Übergang in eine kommerzielle Ära der Raumfahrt darstellen, verlangen Meeresschützer eine umfassende Prüfung der ökologischen Folgen.
Die Tage der Internationalen Raumstation ISS sind gezählt. Nach den Plänen der NASA soll der Außenposten der Menschheit im niedrigen Erdorbit bis 2030 weiter betrieben und anschließend kontrolliert aus der Umlaufbahn gebracht werden. Der Wiedereintritt ist für Ende 2030 oder Anfang 2031 vorgesehen. Zielgebiet ist Point Nemo im Südpazifik, der abgelegenste Punkt der Erde und seit Jahrzehnten als „Friedhof der Raumschiffe“ bekannt. Koordinaten: 48°52,6′ Süd, 123°23,6′ West, Entfernung zu Land: 2.688 Kilometer, Nächste Landmassen: Ducie Island (unbewohntes Atoll), Motu Nui Island (nahe der Osterinsel), Maher Island (Antarktis). Wer dort in Seenot gerät, muss mindestens 15 Tage auf ein Rettungskommando warten. Länger dauert´s nirgendwo. Und was einmal dort auf Grund gelandet ist, holt auch so schnell niemand wieder herauf: die Wassertiefe hier beträgt mit rund 4.000 Metern in etwa so viel wie die des Grabs der TITANIC (3.800 Meter), und die ISS trifft hier auf die illustre Gesellschaft von rund 260 ausgedienten Raumfahrzeugen, u.a. der MIR-Station, mehrerer Salyut-Stationen, etwa 140 russische Progress-Frachter sowie diverse ESA-Hinterlassenschaften. Grund für die Beliebtheit: : Während Staaten nach dem Weltraumhaftungsübereinkommen für Schäden auf fremdem Territorium haften, gibt es keinen vergleichbaren Schutz für die Hohe See. Im Klartext: Hier ist Schrottabladen kostenlos.
Für die NASA markiert der geplante Absturz das Ende eines der bedeutendsten internationalen Raumfahrtprojekte. Seit dem Jahr 2000 ist die ISS dauerhaft bemannt, sie diente als Forschungslabor, Technologietestfeld und Symbol internationaler Kooperation. Künftig will die US-Raumfahrtbehörde den erdnahen Orbit jedoch stärker kommerziellen Anbietern überlassen und selbst nur noch als Kunde privater Raumstationen auftreten.
Technisch soll der Abstieg in mehreren Schritten erfolgen. Ab 2028 soll die Bahn der ISS zunächst durch natürliche atmosphärische Bremswirkung und Manöver des russischen Segments abgesenkt werden. 2029 soll ein von SpaceX entwickeltes U.S. Deorbit Vehicle an die Station andocken. Das Spezialfahrzeug soll mit 46 Draco-Triebwerken den letzten kontrollierten Schub geben und die Station in die Erdatmosphäre lenken.
Sicherheitsplan mit ökologischen Fragezeichen
Die NASA begründet die Wahl von Point Nemo mit Sicherheitsaspekten: Trümmerteile, die den Wiedereintritt überstehen, sollen möglichst weit entfernt von bewohnten Gebieten niedergehen. Ein Bericht des U.S. Government Accountability Office weist zugleich darauf hin, dass NASA beim Übergang von der ISS zu kommerziellen Stationen vor wichtigen Entscheidungen steht und eine mögliche Lücke in der kontinuierlichen menschlichen Präsenz im niedrigen Erdorbit bislang nicht ausreichend bewertet hat.
Doch der geplante Absturz ruft Kritik hervor. Die Ocean Foundation warnt, der ISS-Deorbit werfe „ernste Bedenken für die Gesundheit der Ozeane“ auf. Ihr Präsident Mark Spalding sieht vor allem eine Lücke im internationalen Recht. Nach Einschätzung der Organisation dürfe die Abgeschiedenheit des Ozeans nicht mit fehlender ökologischer Bedeutung verwechselt werden. Unklar sei, welche Materialien der ISS den Wiedereintritt überstehen, welche Mengen am Meeresboden ankommen und welche Folgen dies für marine Ökosysteme haben könnte. Auch mögliche atmosphärische Auswirkungen des größten kontrollierten Wiedereintritts der Raumfahrtgeschichte müssten genauer untersucht werden.
Forderung nach Umweltprüfung
Die Ocean Foundation fordert deshalb eine vollständige Umweltverträglichkeitsprüfung für das erwartete Trümmerfeld am Meeresboden sowie für die Auswirkungen in der Atmosphäre. Außerdem sollten alle Materialien offengelegt werden, die voraussichtlich den Wiedereintritt überstehen. Zusätzlich brauche es eine rechtliche Bewertung der Verpflichtungen nach dem UN-Seerechtsübereinkommen, dem Londoner Protokoll und dem neuen Hochseeabkommen BBNJ.
Für die NASA und ihre internationalen Partner bleibt der kontrollierte Absturz dennoch die bevorzugte Lösung. Ein Anheben der gesamten Station in eine höhere Umlaufbahn gilt als technisch und finanziell kaum praktikabel, ein unkontrollierter Wiedereintritt wäre wegen möglicher Gefahren für bewohnte Gebiete keine Option. Auch eine Demontage der jahrzehntealten Station im Orbit wäre aufwendig und riskant.
Gleichzeitig rückt mit dem Ende der ISS eine neue Phase der Raumfahrt näher. Unternehmen wie Axiom Space, Blue Origin, Nanoracks und Northrop Grumman arbeiten an kommerziellen Stationen oder Modulen. Die NASA will dort künftig Forschungszeit und Dienstleistungen einkaufen, statt selbst dauerhaft Betreiberin einer eigenen Raumstation zu sein.
Ob dieser Übergang reibungslos gelingt, ist jedoch offen. Der GAO-Bericht macht deutlich, dass die USA zwar eine ununterbrochene Präsenz im niedrigen Erdorbit anstreben, die Risiken einer zeitlichen Lücke aber noch nicht abschließend bewertet sind. Damit geht es beim Ende der ISS nicht nur um einen spektakulären Absturz im Südpazifik, sondern auch um die Frage, wie Forschung, Wirtschaft und Verantwortung im erdnahen Raum künftig organisiert werden.