Spitzenleistung des EU-Phemismus: Politsprech zu IRIS² in Klartext-Übersetzung

©EUSPA, ©EU Agency for the Space Programme

Kommentar der neuesten Projektkapriolen

Im Vorfeld der 18. Europäischen Raumfahrtkonferenz in Brüssel (26.-27. Januar 2026) wurde der interessierten Öffentlichkeit übereinstimmenden Berichten zufolge per Verlautbarung eine wesentliche Änderung am IRIS2-Verfahren bekanntgegeben. Dort, wo sie redaktionell aufgegriffen wurde, geschah dies soweit erkennbar allerdings nur in Form einer eher schlichten Reproduktion der Botschaften. Doch diese Verwendung ist reine Verschwendung, denn bei näherem Hinsehen entpuppt sich der Text als brillantes Paradebeispiel für den EU-Phemismus, die Königsdisziplin des Brüsseler Politsprech. Galt in der griechischen Mythologie die Kunst des „euphemein“, des Schönredens, u.a. als Mittel der Menschen zur Besänftigung ungehaltener Himmelswesen, so dient die Kunst des EU-Phemismus den Residenten des kontinentaleuropäischen Olymps von heute zur Sedierung derer, die sie wählen und finanzieren, aber nicht hinterfragen sollen. Diesem Idealbild des EU-Bürgers artig zu entsprechen wäre jedoch im vorliegenden Fall viel zu schade, deshalb haben wir hier exklusiv für die Leser des KTR die eingangs erwähnte Botschaft an den entscheidenden Stellen in Klartext übersetzt.

Headline:

ESA erweitert IRIS²-Komponente für niedrige LEO-Umlaufbahnen und führt Kostenerstattungen für die Industrialisierung ein

Text:

Um die Umsetzung des dritten europäischen Vorzeigeprogramms im Weltraum voranzutreiben, kündigte die Europäische Weltraumorganisation (ESA) am Montag, dem 26. Januar 2026, eine erhebliche Erweiterung des IRIS²-Netzwerks (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) für niedrige LEO-Umlaufbahnen an.

Klartext:

  • Aus bisher entwickelter eigener Kraft kommt IRIS2, jenes zum „Vorzeigeprogramm“ hochstilisierte und allein damit schon zum gesichtswahrenden Erfolg verdammte Raumfahrtprojekt, nicht voran.
  • Da es als „Vorzeigeprogramm“ dient, ist der Weg zur Lösung über simples Einstampfen verbaut, was bleibt, ist allein das Aufpumpen der Blase zu noch Größerem.

Text:

Gleichzeitig führt die ESA eine neue finanzpolitische Regelung ein, um Unternehmen, die ihre Produktion ausweiten, einmalige Entwicklungskosten (Non-Recurring Engineering, NRE) zu erstatten. Diese Entscheidung beseitigt einen kritischen Engpass im „Sovereign-Commercial Nexus“ und verlagert die traditionelle Rolle der ESA von der Finanzierung der Grundlagenforschung hin zur Unterstützung der industriellen Massenproduktion, die für Multi-Orbit-Megakonstellationen erforderlich ist.

Klartext:

  • Da kommerzielle Mit-Betreiber von Teilen der geplanten Konstellation den Erfolg allein in Euro messen und eben solcher in unheiliger Allianz mit staatsverwalteten Elementen nicht absehbar ist, kommt man ihnen nun mit dem Scheckbuch entgegen: IRIS2 wird also teurer. Um das insgeheim aufzufangen, sollen die Kosten agenturintern zu Lasten der traditionellen Funktion der Grundlagenforschungsförderung gehen, während sich die Agentur bei der Gelegenheit zum Subventionsfinanzier der Industrialisierung wandelt.

Zwischen-Headline:

Strategische Neuausrichtung bei Beschaffung und Design

Klartext:

  • Die alte Ausrichtung war strategisch falsch

Text:

Die Erweiterung der Low-LEO-Komponente soll den Kreis potenzieller industrieller Mitwirkender über die ursprünglichen Hauptauftragnehmer hinaus erweitern.

Klartext:

  • Außer den drei Hauptdarstellern des „SpaceRestRise“-Konsortiums – potentiell aktiv auf LEO und MEO (GEO ist in der Zwischenzeit verschollen, Anm. d.Red.) – nach dem brüsken Abschied von Airbus und Thales wegen unabsehbarer finanzieller und technischer Probleme des Projektes, hat sich in ganz Europa noch niemand gefunden, der sich auf ein LowLEO – Abenteuer einlassen will.

Text:

Durch die Öffnung dieses Segments ermöglicht die ESA der europäischen Raumfahrtindustrie, neuartige Nutzlastarchitekturen und Satellitendesigns vorzuschlagen, die in das endgültige operative IRIS²-Netzwerk integriert werden können.

Klartext:

  • Weil es wohl seit Jahren keiner mitbekommen hat, tun wir mal so, als wenn dies nun neu wäre: der ganze LowLEO-Bereich steht als Spielwiese für die Kleinen, also KMU und NewSpace-Akteure zur Verfügung; Sie können hier machen, was wir wollen.

Text:

Dieser modulare Ansatz soll eine Technologieabhängigkeit verhindern und sicherstellen, dass die Konstellation an neue Bedrohungen und technische Fortschritte angepasst werden kann.

Klartext:

  • Wer immer da auf LowLEO mitmacht, soll sich gleich darüber im Klaren sein: Die Aufsicht über das Geschehen im Sandkasten der Kleinen haben wir und bestimmen auch, welches Spielzeug es gibt.

Zwischenheadline:

Kontext: Die finanzielle Brücke zur Massenproduktion

Text:

In der Vergangenheit hat die ESA-Finanzierung durch Programme wie ARTES 4.0 vorrangig die Entwicklung neuer, risikoreicher Technologien gefördert. Die besonderen Anforderungen von IRIS² – die die schnelle Herstellung von Hunderten von Satelliten erfordern – haben jedoch eine Lücke in den herkömmlichen Finanzierungsmodellen aufgezeigt. Im Rahmen des neuen Erstattungsmodells wird die ESA die NRE-Kosten übernehmen, die speziell mit der „Industrialisierung“ bestehender Produkte verbunden sind. Das bedeutet, dass Unternehmen, die bereits eine funktionsfähige Komponente entwickelt haben, nun Unterstützung für den kostspieligen Übergang zu Hochleistungsfertigungslinien, Werkzeugen und automatisierten Prüfständen erhalten können.

Klartext:

  • Früher reichte es, neue Entwicklungen auf dem Papier zu haben. Jetzt sollen sie aber auch ins All. Die zwischen diesen beiden Polen liegenden Positionen werden bei IRIS2 nun mitfinanziert.

Text:

Diese Änderung der Politik folgt auf die Unterzeichnung des 12-jährigen Konzessionsvertrags über 10,6 Milliarden Euro zwischen der Europäischen Kommission und dem SpaceRISE-Konsortium im Dezember 2024. Das Konsortium unter der Leitung von SES, Eutelsat und Hispasat geht nun von der politischen Planungsphase zur physischen Hardware-Beschaffung über, wie die am 5. Januar 2026 veröffentlichte Ausschreibung für 272 Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn zeigt.

Klartext:

  • Im Dezember 2024 hat die EU den Vertrag mit den drei Großunternehmen geschlossen. Danach passierte bis zum 5. Januar 2026 nichts; diese Pause nennen wir „politische Planungsphase“, auch auf die Gefahr hin, dass es seltsam wirkt, wenn diese hier anders als bei allen anderen Projekten der Welt auf den Vertragsschluss folgt statt ihm zugrunde zu liegen.

Zwischenheadline:

Technische Spezifikationen: Die IRIS²-Multi-Orbit-Shells

Text:

Die aktualisierte IRIS²-Architektur ist als robustes, mehrschichtiges System aufgebaut, das sichere staatliche Kommunikation und kommerzielle Hochgeschwindigkeits-Breitbandverbindungen bereitstellen soll. Low-LEO-Schicht: Dieser Bereich wurde nun erweitert, um eine breitere Beteiligung zu ermöglichen, und konzentriert sich auf Daten mit geringer Latenz und sichere Verbindungen für Regierungsbehörden.

Klartext:

  • IRIS2 soll kommerziellen und staatlichen Bedürfnissen im Hinblick auf schnelle und sichere Kommunikation dienen. Die Erweiterung des LowLEO-Layers, der ursprünglich für kommerzielle Services auf eigene Rechnung durch KMU und Startups vorgesehen war, solange sie damit nicht die Kreise der anderen Layer stören, besteht nun in der Reduktion um den kommerziellen Teil – dieser doppelte Rittberger mit Rolle rückwärts ist dann auch die EU-phemistische Glanzparade des ganzen Textes.

Text:

LEO-High-Schicht: Umfasst den Großteil der 272 LEO-Einheiten, wobei Airbus Defence and Space und Aerospacelab als Hauptkandidaten für die Plattform und die Nutzlast identifiziert wurden. MEO-Schicht: Besteht aus 18 Satelliten in einer Höhe von etwa 8.000 km und nutzt das vorhandene Know-how von SES, um Backhaul mit hohem Durchsatz und globale Abdeckung bereitzustellen.

Klartext:

  • Auf LEO und MEO ist bei Bussen und Nutzlasten schon alles gelaufen: die Großen machen das zusammen mit Überraschungsgast Aerospacelab unter sich aus.

Zwischenheadline:

Begründung: Verringerung kommerzieller Abhängigkeiten

Text:

Die Begründung für diesen zweigleisigen Ansatz – Segmentausbau und NRE-Erstattung – liegt in Europas Auftrag zur strategischen Autonomie begründet. Der EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt, Andrius Kubilius, und der Generaldirektor der ESA, Josef Aschbacher, haben immer wieder die Notwendigkeit eines „Weltraumschildes” zum Schutz der digitalen Souveränität Europas betont. Durch die Erstattung der Skalierungskosten subventioniert die ESA effektiv die Modernisierung der europäischen Lieferkette und macht sie gegenüber vertikal integrierten Unternehmen wie SpaceX wettbewerbsfähiger. Dadurch wird sichergestellt, dass die 30-prozentige Unterauftragsvergabequote für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) nicht nur eine regulatorische Quote ist, sondern auch in der industriellen Realität umgesetzt werden kann.

Klartext:

  • Der Rückbau zum Vehikel reiner Regierungskommunikation in Tateinheit mit Subventionierung des Aufbaus eines LowLEO-Levels für ebenfalls diesen Zweck ist politisch mit dem Ziel der strategischen Autonomie Europas auf den Pfeilern „digitale Souveränität“ und „Wettbewerbsfähigkeit der Lieferkette“ begründet. Die 30-Prozent-Quote ist ab jetzt keine regulatorische Quote mehr für den Aufbau von KMU- und Startup-Geschäftsmodellen mit der Konstellation, sondern ein fester Subventionsbestandteil der Konstellation selbst, finanziert über den Umweg von KMU und Startups: IRIS2 wird um fast ein Drittel teurer (und das auf so kompliziertem EU-phemistischem Wege, dass es hoffentlich keiner merkt).

Zwischenheadline:

Zeitplan und Ausblick bis 2030

Text:

Mit dem Eintritt des IRIS²-Projekts in das Jahr 2026 verlagert sich der Schwerpunkt auf die kritische Entwurfsprüfung (CDR) und die Mobilisierung von Fertigungsanlagen. Es wird erwartet, dass die neue Erstattungsrichtlinie von Hardware-Anbietern in Deutschland, Frankreich und Spanien, die derzeit ihre Fabriken für den Produktionsstart 2027 umrüsten, sofort angenommen wird. Während die ersten staatlichen Dienstleistungen für 2030 geplant sind, wird die Fähigkeit der Branche, die Technologie mithilfe dieser neuen ESA-Erstattungen zu skalieren, der entscheidende Faktor für die Einhaltung der Frist für die vollständige Betriebsbereitschaft im Jahr 2031 sein.

Klartext:

  • Wenn IRIS2 nicht bis 2031 vollständig betriebsbereit ist, liegt es allein an der Unfähigkeit der Branche, wir sind nicht schuld:

Mission EU-Phemism accomplished.

 

Quellen u. a.:

ESA Expands IRIS² Low-LEO Component and Introduces Industrialization Cost Reimbursements – SatNews

ESA expands Iris2 network’s low-LEO segment, will reimburse non-recurring costs of scaling tech for constellations – Space Intel Report