Nur mit Hosenträger UND Gürtel – Minimalanforderung Redundanz an militärische Nutzung von Weltraum-Infrastruktur  

©EUSPA, ©EU Agency for the Space Programme

Interne Pentagon-Berichte, die in den letzten Tagen an die Öffentlichkeit kamen, dokumentieren eine Serie von betrieblichen Ausfällen bei unbemannten Überwasserfahrzeugen (USVs) der U.S. Navy. Die Ursache lag in einer lückenhaften Konnektivität des Starlink-Satellitennetzwerks.

Der gravierendste Vorfall, ereignete sich während eines globalen Starlink-Ausfalls im August 2025. Dabei trieben zwei Dutzend Marinedrohnen fast eine Stunde ohne Kontrolle vor der Küste Kaliforniens. Die Veröffentlichung dieser Informationen hat im Kongress eine Debatte über die militärische Überabhängigkeit von einem einzelnen kommerziellen Anbieter für kritische nationale Sicherheitsinfrastruktur ausgelöst.

Die Abhängigkeit des Pentagon von Starlink wird als „faktisches Monopol“ für satellitengestützte Kommunikation mit geringer Latenz und hoher Bandbreite beschrieben. Navy-Dokumente zeigen, dass bereits im April 2025 ähnliche Konnektivitätsprobleme die Drohnentests beeinträchtigten, als das Netzwerk die Datenlast mehrerer autonomer Fahrzeuge in dichten Formationen nicht bewältigen konnte.

Um die Risiken der Abhängigkeit von einem Anbieter zu mindern, setzen die Space Force und die Navy zunehmend auf eine hybride Architektur. Der kürzlich vorgestellte „Objective Force 2040“-Plan von General B. Chance Saltzman betont die Notwendigkeit einer militärischen Raumfahrtarchitektur, die mehrere kommerzielle und verbündete Anbieter integriert. Ziel ist es, sicherzustellen, dass ein technischer Ausfall oder eine politische Entscheidung eines einzelnen CEOs nicht die nationalen Sicherheitsinteressen gefährdet.

In Zukunft wird erwartet, dass das Pentagon Verträge mit sekundären Anbietern beschleunigt, um Redundanz für die von Starlink abhängigen Drohnenprogramme zu schaffen. Mit Amazon Leo und Globalstar als neue Player hat die USSF einen praktikablen Weg zu einem „Multi-Stack“-Markt. Bis diese sekundären Konstellationen jedoch vollständig einsatzbereit sind, bleibt selbst die größte Militärmacht der Welt weiterhin an die Infrastruktur von SpaceX gebunden und setzt damit kritische Roboteranlagen dem Risiko eines nächsten globalen Ausfalls aus.

Lernt Europa aus solchem Beispiel? Hier muss man wohl differenzieren. In Europa hatte man offenbar schon die Lektion „Hosenträger UND Gürtel“ verinnerlicht, bevor sich das amerikanische Beispiel entwickelte. Dies gilt für Italien, welches die derzeit noch in der Anfangsphase befindliche Entwicklung eines eigenen Konstellationssystems vorzugsweise ohne vernehmbare politische Geräuschkulisse vorantreibt, und es gilt insbesondere für Deutschland und seine Bundeswehr auf ihrem eigenen Weg zum Ziel jenseits von Iris2. Allerdings geht das hierzulande, wohl auch wegen der grundsätzlichen Exponiertheit aller politischen Großentscheidungen Berlins, nicht ohne hörbares Murren vonstatten. Die deutlichen Töne des Missfallens werden in diesem Falle Jeanne Dillschneider, der verteidigungspolitischen Sprecherin der Grünen zugeschrieben; sie warnt vor doppelten Kosten für den Steuerzahler. Dabei übersieht sie offenkundig, dass Deutschland sich in einem kleinen Rahmen trotz alledem rein aus Redundanzgründen an Iris2 beteiligt und obendrein zusichert, dass das Satcom4-System der Bundeswehr mit Iris2 kompatibel sein wird. Was allerdings darüber hinaus noch viel schwerer wiegt, ist die hinter solcherart Kritik liegende unhinterfragte Annahme, dass ein System für alle reichen muss und kann. Diese Annahme reflektiert die Originallinie der Argumente Brüssels. Für Marie-Agnes Strack-Zimmermann etwa könnte die parallele Entwicklung mehrerer Systeme „zu redundanten Strukturen, fragmentierten Standards und letztlich zu einer geringeren strategischen Wirkung bei höheren Kosten führen“; aus Sicht der Europäischen Kommission unterstreicht Sprecher Thomas Regnier den Wert „geteilten Know-hows“, das die Entwicklung von Spitzentechnologien in größerem Maßstab und effizienter ermögliche, und der französische Europaabgeordnete Christophe Grudler (Renew Europe) warnt: „Eine kleinere, isolierte Konstellation bringt Einschränkungen bei der Abdeckung und Skalierbarkeit mit sich“.

Die Brüsseler Lehrmeinung steht damit in krassem Widerspruch sowohl zu den Lektionen, die das Beispiel Pentagon lehrt, als auch zu einer simplen, nichtsdestoweniger in Brüssel offenbar potentiell bahnbrechenden Erkenntnis, sollte sie sich je dort durchsetzen: Ein System, das es gar nicht erst gibt, kann auch nichts nützen. Denn wie in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich und dann auch deutlich kommuniziert wurde, will Iris2 einfach nicht den Timeline-Vorgaben seiner Fahnenträger in der EU-Kommission Folge leisten. Und auch die Strategie des zuständigen Kommissars, auf durchsickernde Verspätungsnotizen trotzend mit der Ankündigung eines noch früheren Datums zu reagieren, will nicht wirklich funktionieren. Da bewirkt es offenbar der in militärischen Kreisen verbreitete Befehl „Augen geradeaus“ erheblich besser, der Wirklichkeit ins Antlitz zu schauen, wie nun ausgerechnet das französische Militär demonstriert. Denn einerseits bekennt es freimütig, dass Iris2 auch 2030 noch nicht abheben wird. Andererseits sieht man sich selbst dafür mit Hosenträger und Gürtel gewappnet: statt auf ein Phantom Iris2 zu warten, setzt man im Hexagone Balard auf Eutelsats OneWeb und parallel auf eine mögliche Mitnutzung der neuen Konstellation der Bundeswehr – befohlener Operationsbeginn: 2029. Pünktlich.

 

Quellen: https://www.bfmtv.com/economie/entreprises/defense/l-allemagne-met-un-coup-dur-au-projet-de-constellation-europeen-iris2-berlin-veut-deployer-son-propre-reseau-de-100-satellites-militaires-avec-rheinmetall-ohb-et-airbus_AV-202603240631.html

https://www.spaceintelreport.com/french-military-iris2-constellation-wont-be-deployed-by-2030-well-use-oneweb-looking-at-germanys-constellation-too/