Klartext Raumfahrt

Nihil fit sine causa

Raumfahrt im Zeichen von Beuteltier, Biene und Bumerang

Koala

HyImpulse mit SR 75 und SL-1

Drei Unternehmen unerschrockener deutscher Jungingenieure gingen vor einigen Jahren an den Start, das Establishment der Startdienstleistungen auf LEO-Ebene das Fürchten zu lehren: Isar Aerospace, München, Rocket Factory Augsburg und HyImpulse aus Neuenstadt. Die beiden erstgenannten schienen  sich dabei in letzter Zeit die mediale Aufmerksamkeit für ihr Thema zu teilen,  traten auch wiederholt mit Prognosen zum Thema Erststart ins Licht der Öffentlichkeit. Der dritte im Bunde macht es nach einigen verfühten Angaben anders: HyImpulse trat jüngst an die Mikrofone, als die SR 75 Rakete mittlerweile tatsächlich auf dem Weg per Schiff zur Startrampe im fernen Südaustralien war. Dort, auf dem Raketentestgelände von Koonibba im tiefen Südwesten auf knapp 32. Breitengrad Süd – also quasi das Down-Under-Gegenstück zu Cape Canaveral (auf rund 28 N), soll die SR 75 zum ersten Mal starten und dann auch gleich zur Untersuchung nach suborbitalem Flug auf bis zu 300 km Höhe wieder am Boden zu akribischen Untersuchungen eingesammelt werden. Die Startkampagne soll Mitte April beginnen, der Start erfolgt idealerweise schon Ende April – oder eben doch etwas später dann im Mai, je nachdem, wie lange die behördlichen Verfahren dauern werden. Die beiden tierischen Zeitzeugen des Projektes, die landestypischen Beuteltiere Känguru und Koalabär, werden es mit Gelassenheit nehmen.

Vorbild fleißige Biene

Mit dem langen Schiffstransport nach Australien ist auch schon die Demonstration eines wichtigen Unterschieds der Konzepte von HyImpulse hier und ISAR wie RFA dort verbunden: die Konkurrenten bevorzugen konventionelle Antriebe, der Antrieb der SR 75 ist ein Hybride aus Paraffin und flüssigem Sauerstoff mit dem Effekt, dass es eben keine unerwünschten Effekte gibt: der Treibstoff ist nicht explosiv. Das gibt nicht nur empfindlichen Gemütern ein Gefühl von Sicherheit, sondern stellt vor allem die ganze Logistik der Rakete auf viel leichtere Füße und erlaubt ein auch wirtschaftlich attraktives Konzept, nach dem gestartet wird, wo es gerade am besten passt. Und dem Marketing schadet es ebenfalls nicht, denn das aus Erdöl gewonnene Paraffin ist chemisch als Kohlenwasserstoffverbindung mit jenem identisch, aus dem die Bienen mit unerschütterlichem Fleiß ihre Honigkammern, Häuser und Kinderstuben bauen. Raketenflug mit Bienenwachs… Mit Blick auf die Zukunft strebt HyImpulse aber einen kohlenstoffneutralen Betrieb an, der durch die Verwendung eines synthetischen Paraffintreibstoffs aus abgeschiedenem CO₂ und erneuerbaren Energiequellen ermöglicht wird.

Der technische Ansatz ist vergleichbar mit der Versuchsanordnung, in eine Kerze ein senkrechtes Loch zu bohren, dort Sauerstoff durchzuleiten und das Ganze dann anzuzünden. Damit ist die SR 75 ist als suborbitale Höhenforschungsrakete das skalierbare Ausgangsprodukt für den „eigentlichen“ Microlauncher, mit dem HyImpulse gegen die Konkurrenz antreten will: die SL1-Orbitalrakete, deren Entwicklung mit zehn gebündelten SR75-Motoren nach Angaben des Unternehmens gut vorankommt. Derzeit werden Beziehungen zu potenziellen Zulieferern von Teilsystemen, z. B. Strukturen und Elektronik, aufgebaut, wobei HyImpulse die volle Kontrolle über das Antriebssystem, das Markenzeichen von HyImpulse, behält. Gleichzeitig fungiert HyImpulse als Systemintegrator für andere Teilsysteme, die kommerziell und sehr effektiv von der Raumfahrt- und Nichtraumfahrtindustrie erworben werden können. Dieser Ansatz reduziert den Kapitalaufwand und stellt sicher, dass Subsysteme, die die neuesten Technologien nutzen, auf wettbewerbsfähige und zeitnahe Weise erworben werden können. Der Erststart von SL-1 wird vermutlich frühestens 2025 erfolgen.

Bumerang serienmäßig

So wie die SR 75 nach ihrem Ausflug in die Höhe an Fallschirmen wieder auf dem Gelände der Koonibba-Testrange landen soll, soll perspektivisch die erste der drei Stufen der SL-1 ebenfalls mit moderner Bumerang-Technologie ausgerüstet werden: Wiederverwendbarkeit ist das Zauberwort der Zukunft. Mit maximal 500 Kilo Nutzlast soll die dann 27 Meter hohe und 36 Tonnen leichte Rakete zu wettbewerbsfähigen Preisen abheben.

Das Preisfeld ist im Moment noch, vor allen Erststarts, denkbar weit gespreizt. Isar möchte unter 10.000€/Kilo kommen, HyImpulse peilt langfristig 7.000 an, während RFA die Preise auf 2.300€ pro 1.000 Gramm purzeln lassen will.

Quellen:

https://www.hyimpulse.de/Press_Release/SR75%20on%20its%20way%20to%20launch%20site%20-%20HyImpulse%20press%20release%2024.02.2024

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/raumfahrt-porsche-start-up-volkswagen-isar-aerospace-microlauncher-1.5365148

https://rp-online.de/panorama/wissen/weltraum/wachs-als-treibstoff-fuer-raketen-des-start-ups-hyimpulse_aid-106391877

https://www.welt.de/wirtschaft/article225548857/HyImpulse-Diese-Rakete-soll-mit-Kerzenwachs-fliegen.html#:~:text=Das%20Start%2Dup%20will%20noch,fest%20bezeichnen%20Experten%20als%20Hybridantrieb