Klartext Raumfahrt

Nihil fit sine causa

“Raumfahrtstrategie der Bundesregierung”: Das Land ist nicht genug

Raumfahrtstrategie der Bundesregierung
Raumfahrtstrategie der Bundesregierung

Analyse und Kommentar

Beim Jahresendspurt um die besten Plätze in der medialen Berichterstattung, mit denen man sich schnell noch die Pole Position im kollektiven retrospektiven Gedächtnis zu sichern sucht, wurde die frisch verfasste „Raumfahrtstrategie der Bundesregierung“ prominent plaziert – perfekte Ausgangsposition für die Entfesselung einer Welle öffentlicher Sympathie. Nun, die Welle kam – aber eben eher als Welle: „Die Bundesregierung vernachlässigt die strategische Dimension des Alls, wie die … Raumfahrtstrategie zeigt“, monierte das Handelsblatt und machte am IRIS2-Projekt der EU deutlich, wie EU-Kommissar Thierry Breton an der deutschen Regierung vorbei das Heft des Handelns in die Hand nahm – während in Deutschland zu der Zeit die Raumfahrtausgaben um 15 Prozent gestrichen werden sollten. Genau diese Diskrepanz zwischen Rede und Tat setzt auch die Welt als Indiz für ihre Analyse, nach der die „Raumfahrtstrategie der Bundesregierung“ eher eine Sammlung vager Absichtserklärung darstellt. Und das Verdikt steht gleich in der Überschrift: „Deutschlands unwürdiger Abschied von der Weltraumfahrt“. Zitieren lässt sich unter anderem auch Walter Ballheimer, Chef des Raumfahrt-Startups Reflex Aerospace, der in einem Essay auf LinkedIn die „historische Chance zur Stärkung nationaler Kompetenzen“ verpasst sieht. Vage, ambitionslos, unbestimmt, unklar – das sind primär die Eindrücke, die die Strategie beim Leser hervorzurufen vermögen. Aber ist das auch so?

An der Wortwahl kann es eigentlich nicht liegen, die kommt dezidiert und bei Bedarf auch bildmächtig daher. „Neue Zeiten“ und eine „neue Relevanz“ von Raumfahrtinfrastrukturen erfordern, so heißt es, neues Handeln, und der Staat wolle den Mut innovativer Unternehmen mit flexiblen Handlungsmöglichkeiten unterstützen. „Umfänglich“ sei das enorme Innovationspotential der Raumfahrttechnik zu nutzen, und jenseits eigener Streichungsphantasien wird mit klarem Blick für Realitäten das je nach Blickwinkel zwischen 50 und über 100 Prozent starke Wachstum der weltweiten Raumfahrtbranche verdeutlicht. Falsch ist an alledem nichts, und das sagt auch niemand. Selbst der dank Fachexpertise kommunikationsmächtige Verbund der deutschen Raumfahrt-KMU im AKRK, dem so schnell niemand die Deutungshoheit auf dem Gebiet der Raumfahrt streitig macht, vergab dafür noch zwei von drei Sternchen. Am Ende aber reichte auch dies nicht für Freudentaumel in der Scharnhorststraße. Warum nur?

Der suchende Blick nach dem roten Faden in den Kapiteln, mit denen den einleitend gezeichneten Ansprüchen aus der Sache mit strategischem Handeln Genüge getan werden soll, bringt dann in der Tat eine Antwort auf diese Frage. DEN roten Faden gibt es nicht – außer man definiert seine Abwesenheit als solchen – dafür aber drei Charakteristika.

 

Am internationalen Wesen …

Erstes zentrales Charakteristikum all jener neun wesentlichen Handlungsfelder, die die Bundesregierung für die Raumfahrtpolitik sieht, sind Prinzip und Primat der internationalen Kooperation. Von Erdbeobachtung bis Verteidigung reicht das Spektrum der kooperativen Handlungsoptionen, derer man sich mit gemeinsam mit ESA, EUMETSAT, EU, EUSPA, EZMW, EDA und EVF bedienen will. Und außerhalb Europas steht (fast) die ganz Welt für Kooperationsmöglichkeiten: Südkorea, USA, Australien, Neuseeland, Kanada, Singapur und Japan werden hervorgehoben. Offenkundig strategisches Kalkül: je stärker man sich dort einbringt, desto größer der Hebel auf Definition und Erfüllung der eigenen Ziele. Nur bleibt hier das ungute Gefühl des Lesers, dass darauf die anderen Partner auch schon gekommen sein könnten, was den eingebrachten Euro durch Kompromiss bei zwanzig Partnern (Ausnahme: Georeturn bei ESA) schon auf bis zu 5 Cent abwerten kann – oder man sichert sich durch übermäßiges Einzahlen und Talleyrand´sches Verhandlungsgeschick den größten Einfluss aufs Ergebnis. Für das eine ist die Bundesregierung nicht bekannt, und für das andere eher Frankreich. Mit Ausnahme eines gewissen Stolzes auf den „Amtssitz“ der EUMETSAT in Deutschland scheint die Philosophie hindurch, dass den vielfältigen Aufgaben der Raumfahrt umso eher Rechnung getragen wird, je weiter weg ihre Erledigung an supranationale Organisationsgeflechte delegiert wird. 

 

Prioritäten sehen anders aus

Ein weiteres Charakteristikum wird deutlich bei der Darstellung des Regierungsengagements für Startups und NewSpace. „Die Bundesregierung hat mit ihrer Start-up-Strategie unter anderem das Ziel, dass vor allem im Spätphasensegment und damit bei größeren Finanzierungsrunden vermehrt Kapital von deutschen und europäischen Investoren eingesetzt wird.“

Diese Worte klingen nach, als seien Überleben und Wachstum von Raumfahrt-Startups in Deutschland auf mutiges Investieren der Regierung gegründet. Genannt werden regierungsseitige Finanzierungsquellen wie der „High-Tech Gründerfonds“, „Deep Tech and Climate Fonds“ und die „European Tech Champions Initiative“, wobei der Erstgenannte mit Geburtsdatum 2005 keine Erfindung dieser Regierung ist, der zweite aus 2023 explizit der Förderung von „Industry 4.0/IoT, Robotik, KI, Quantencomputing, Blockchain und Prozesautomatisierung“ bei „Unternehmen aus Digital Health, New Energy, FinTech, Smart City und Biotech“ gewidmet ist, und der dritte Zuschläge an Startups wie jenes mit einem neuartigen 3D-Druckverfahren mit möglicher Anwendung in der Medizintechnik und einen Anbieter von Steuerungssoftware für Schwermaschinen erteilt hat. Raumfahrt-Startups können sich um Unterstützung aus diesen Instrumentarien prinzipiell auch bewerben. Nur genannt wird ihre Branche im Unterschied zu vielen anderen nicht – Prioritäten sehen anders aus.

Da sind andere Hilfestellungen eher wirkungsvoll, und die Regierungsstrategie weist extra darauf hin: etwa auf die ESA-Inkubatoren, von denen es auch einige in Deutschland gibt. Die aber werden, wie der Name schon nahelegt, von der ESA betrieben, nicht von der Bundesregierung. Die von der Regierung ebenfalls weitgehend unabhängig, nämlich rein kommerziell agierende private Venture-Capital Szene in Deutschland darf dann auch staunend erfahren, dass sie ihren eigenen Geschäftszweck deshalb so gut mit Leben füllt, weil die Regierung auf ihr Engagement so viel Wert und Nachdruck legt. Und schließlich ist dann doch wohl die Entschlossenheit, z.B. bei der Unterstützung der Herausbildung solider Strukturen einer neuen Trägerinfrastruktur, weitgehend vom – im Übrigen durchaus nachvollziehbaren und sinnvollen – Motiv getrieben, mit Einführung des (aus den USA und dem NewSpace stammenden) Ankerkundenprinzips für öffentliche Projekte eine erhebliche Einsparung gegenüber dem bisher gepflegten Eigentumsprinzip – siehe Ariane – zu realisieren. Alles gut, richtig und ehrenhaft – nur eben nicht wirklich Erfindung und Verdienst der Regierung, schon gar nicht ihrer „Strategie“: das eine kostet nichts, das zweite ist kostenlos, und das dritte spart Kosten. 

 

Gut gedacht ist nicht gleich gut gemacht

Und manches davon auf Kosten anderer: Dass die Bundesregierung dem Prinzip Nachhaltigkeit der Raumfahrt – unter anderem zu erreichen durch Schrottvermeidung im All – eine hohe Priorität einräumt, ist nicht weiter verwunderlich. Erstens stammt die Strategie aus dem grünen Bundesklimaministerium, und zweitens sprechen die Fakten für sich: bei dem derzeitigen und erst recht künftigen Wachstum an Weltrauminfrastrukturen führen Wild-West Manieren sehr bald an das Ende von „man´s final frontier in space“ – um das zu sehen, bedarf es nicht einmal einer grünen Brille. Die Antwort sieht die Raumfahrtstrategie – wieder einmal – in einer europäischen Institution, deren Betrieb sie als eigenes Schlüsselprojekt weit hervorhebt: die EU-SST. 

Wie weit das dann gehen und sich am Ende massiv gegen Startups selbst richten kann, zeigt ein Beispiel aus dem Bereich „Space Traffic Management“ und hier anhand des als „Schlüsselprojekts“ dafür ausgewählten Betriebs der EU-SST (EU Space Surveillance and Tracking).

Mit dem Instrument der EU-SST stellt die Bundesregierung zusammen mit anderen EU-Partnern allen Satellitenbetreibern der Welt kostenlos Dienste der Erkennung von Kollisionsrisiken als Grundlage für eigene Ausweichmanöver zur Verfügung. Die Bundesregierung ist darüber hinaus bestrebt, im Rahmen der UN ein noch größeres Space Traffic Management (STM) System aufzusetzen. Dies aber, so die Darstellung des Schlüsselprojekts, braucht den konsequenten Ausbau u.a. der nationalen Fähigkeiten und der Vernetzung u.a. mit zivilen Partnern.

Dazu ist festzuhalten: 

  • Mit der für alle kommerziellen wie institutionellen Kunden der Welt kostenlosen Gestellung der EU-SST Services verhindert die Bundesregierung zusammen mit ihren Partnern die Herausbildung eines vielversprechenden europäischen Marktes für hoch spezialisierte Raumfahrt-Startups auf dem Technologiefeld der KI-basierten Kollisionsvermeidung im All. Denn was die Kunden steuerfinanziert von der EU-Institution umsonst bekommen, kaufen sie nicht noch einmal extra auf dem kommerziellen Markt ein.
  • Die Ausschließlichkeit, mit der die Bundesregierung das Thema durch die EU-Institution EU-SST abgedeckt sieht, suggeriert eine in keiner Weise gegebene Perfektion der von EU-SST durchgeführten Beobachtung und Operationen, denn dazu fehlen ihr Fähigkeiten zu
    • Orbit-Determination, 
    • Reprozessierung zusätzlicher CDMs (Conjunction Data  Messages/Kollisionswarnungen), 
    • KI-basierter Risikoabschätzung, automatischer Generierung von Manöver-Empfehlungen aufgrund von CDMs und derlei mehr technische Fähigkeiten,
    • und der Sinn dafür, dass Tempo entscheidend ist und Support-Reaktion unter 24 Stunden ein Sicherheitsvorteil.

Die Bemühungen betroffener Startups um Hilfe der Bundesregierung, wenigstens die potentiell gefährlichen Löcher bei der EU-SST mit der bei ihnen exklusiv vorhandenen Expertise als kommerzieller Partner der Institution füllen zu dürfen, waren bis heute vergeblich. KMU/Startups anderer Länder dagegen wurden erfolgreich von diesen in der EU-SST plaziert.

Zwischen hehren strategischen Worten und der operativen Ausführung im Detail, so will uns dieses Beispiel und letztlich die Analyse der dargelegten Charakteristika sagen, klaffen zuweilen dann doch Welten. Die andere Seite von gut gedacht ist eben gut gemacht.

 

Das Land ist nicht genug

Die Lektüre der Raumfahrtstrategie der Bundesregierung hinterlässt einen schalen Nachgeschmack und das Gefühl, nicht wirklich Lösungen zu bieten, weil

  • es mit der Delegation von Aufgaben und Problemlösungen an supranationale Institutionen nicht getan ist, im Gegenteil, damit fangen die Probleme oft genug erst an
  • es dem Wert der Startup- und KMU-Sache für Deutschland nicht gerecht wird, potentielle Brosamenfinanzierung aus Töpfen für offensichtlich andere Genres zur generösen Rundum-Unterstützung der Raumfahrtunternehmen zu stilisieren und sich dann auch noch für die Taten kommerzieller VC-Geber selbst mit Lorbeer zu bekränzen
  • dort, wo man mal genau und „into the very detail“ hineinsieht, sich Diskrepanzen zwischen Anspruch und Verhalten, zwischen vollmundiger Zielverkündung und operativer Schaffung von Fakten mit nachteiliger Wirkung für die strategisch so hoch priorisierten Startups/KMU auftun, die dann doch erschaudern lassen.

Aber im Grunde ist der Analytiker und Kommentator – ob per Handelsblatt, der WELT, Klartext Raumfahrt oder über LinkedIn – dann am Ende doch weitgehend selbst schuld, wenn er sich Stunden um Stunden zu erkennen bemüht, was denn an diesem Regierungspapier so enttäuscht: Man sollte vielleicht einfach nur etwas aufmerksamer die Überschrift lesen. Da steht nicht: „Strategie für die deutsche Raumfahrt“. Dies ist die „Raumfahrtstrategie der Bundesregierung“ – und damit die erste ihrer Art in der Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik, die schon im Titel das Land nicht mehr braucht.