Mit dem immer näher rückenden kommerziellen Weltraumflug und der zunehmenden Aufenthaltsdauer im All ist die Frage menschlicher Reproduktion jenseits der Erde längst nicht mehr rein theoretisch, sondern laut einer neuen Studie, die im Fachjournal Reproductive Biomedicine Online veröffentlicht wurde, inzwischen „dringend praktisch“ geworden. Denn der Weltraum wird immer mehr zum Arbeitsplatz und Reiseziel, während assistierte Reproduktionstechnologien hochentwickelt, zunehmend automatisiert und breit verfügbar sind.
Trotz dieser Fortschritte fehlen bislang jedoch allgemein anerkannte Branchenstandards für den Umgang mit Risiken der Reproduktion im All – darunter die Gefahr einer unbeabsichtigten frühen Schwangerschaft während Raumflügen, Auswirkungen von Strahlung und Mikrogravitation auf die Fruchtbarkeit sowie ethische Grenzen für zukünftige reproduktionsbezogene Forschung.
Der Bericht, erstellt von einer internationalen Expertengruppe, verfolgt nicht das Ziel, Fortpflanzung im Weltraum zu fördern, sondern soll vielmehr die absehbaren Risiken für Raumfahrer beleuchten und die wissenschaftlichen sowie ethischen Lücken identifizieren, die geschlossen werden müssen, bevor irreversibler Schaden eintritt.
Die neun Autoren der Studie, darunter Experten für Reproduktion, Raumfahrtmedizin und Bioethik, schlagen einen kollaborativen Rahmen vor, um die nächste Generation der Reproduktionsforschung im Weltraum zu lenken.
Feindliche Bedingungen für die Fortpflanzung im All
Aus begrenzten Labor- und Humanstudien früherer Missionen ist bisher bekannt, dass der Weltraum, heute ein zunehmend alltäglicher Arbeitsplatz, für die menschliche Biologie eine „feindliche Umgebung“ darstellt. Dies äußert sich in mehreren Faktoren, die nachweislich gesunde Fortpflanzungsprozesse beeinträchtigen, insbesondere veränderte Schwerkraft, kosmische Strahlung und gestörter Tag-Nacht-Rhythmus.
So haben Studien an Tiermodellen gezeigt, dass kurzfristige Strahlenbelastung den weiblichen Zyklus negativ beeinflussen und das Krebsrisiko erhöhen kann. Für männliche und weibliche Astronauten nach längeren Missionen liegen laut dieser Übersicht jedoch nur wenige verlässliche Daten vor. Die Auswirkung kumulierter Strahlenbelastung auf die männliche Fruchtbarkeit bleibt eine „kritische Wissenslücke“.
Der Bedarf an belastbaren Erkenntnissen wächst, da sich immer mehr Menschen für längere Zeit im All aufhalten. Bisherige Daten von Astronautinnen aus den Shuttle-Missionen zeigen beruhigend, dass spätere Schwangerschaftsraten und Komplikationen mit denen altersgleicher Frauen auf der Erde vergleichbar sind. Doch über Langzeitmissionen bei Männern und Frauen ist bislang wenig bekannt.
Die Autoren betonen, dass neue wissenschaftliche Belege notwendig sind, „um diagnostische, präventive und therapeutische Strategien in außerirdischen Umgebungen zu entwickeln“.
Während eine Schwangerschaft nach wie vor eine Kontraindikation für Raumflüge darstellt und die Menstruation meist durch hormonelle Methoden vermieden wird, könnten automatisierte Labortechniken für die Befruchtung und Kryokonservierung „mit den operativen Anforderungen der weltraumgestützten Reproduktionsforschung und -praxis in Einklang stehen“.
„Entwicklungen in der assistierten Reproduktionstechnologie entstehen oft unter extremen oder randständigen Bedingungen, breiten sich aber schnell darüber hinaus aus“, sagt Palmer.
„ART ist hochgradig übertragbar, da sie Situationen adressiert, in denen Fortpflanzung biologisch möglich, aber durch Umwelt, Gesundheit, Zeitpunkt oder soziale Umstände strukturell eingeschränkt ist – Einschränkungen, die auch auf der Erde weit verbreitet sind.“
Ethik und Regeln
Auch wenn das Szenario menschlicher Fortpflanzung im Weltraum derzeit eher der Science-Fiction als der Realität angehört, verlangt diese Aussicht dennoch nach ethischer Reflexion – angefangen bei der Offenlegung einer Schwangerschaft bei Raumfahrern bis hin zu ihrem genetischen Screening. Es erscheint zudem wahrscheinlich, dass sich die Weltraumforschung weiter in die Reproduktionsbiologie vorwagen wird, was ebenfalls neue ethische Fragen aufwerfen könnte.
Klare Regelungen entstehen zwar langsam, doch gibt es bisher keine allgemein anerkannten Leitlinien zu diesen Themen. Zudem ist über die Risiken einer Schwangerschaft bei Langzeitraumflügen noch zu wenig bekannt. Welche Schutzmaßnahmen existieren? Wer trägt die Verantwortung? Könnte die männliche Fruchtbarkeit beeinträchtigt werden?
„IVF-Technologien im Weltraum sind längst nicht mehr reine Spekulation“, sagt Palmer. „Sie sind eine vorhersehbare Erweiterung bereits existierender Technologien. Die Konservierung von Gameten, Embryokultur und genetisches Screening sind ausgereift, portabel und zunehmend automatisiert. Mit der Verlagerung menschlicher Aktivitäten von Kurzmissionen zu einem dauerhaften Aufenthalt jenseits der Erde wird Fortpflanzung von einer abstrakten Möglichkeit zu einer praktischen Herausforderung.“
Der Bericht argumentiert daher, dass jetzt gehandelt werden muss – nicht, weil ART im Weltraum unmittelbar bevorsteht, sondern weil das Zeitfenster zur Grenzsetzung sich schließt. Die Behandlung dieser Themen als Spekulation verkennt, wie reproduktive Technologien in die Praxis einziehen: schrittweise, oft leise und häufig erst im Nachhinein gerechtfertigt. In diesem Zusammenhang bedeutet Dringlichkeit, Verantwortung vorzudenken – denn aufgeschobene Steuerung ist verweigerte Steuerung.
„Mit der Ausweitung der menschlichen Präsenz im All darf die reproduktive Gesundheit kein blinder Fleck in der Politik bleiben“, sagt Dr. Fathi Karouia, Hauptautor der Studie und Wissenschaftler bei der NASA.
„Internationale Zusammenarbeit ist dringend erforderlich, um kritische Wissenslücken zu schließen und ethische Leitlinien zu entwickeln, die sowohl professionelle als auch private Astronauten schützen – und letztlich die Menschheit bewahren, wenn wir uns einer dauerhaften Präsenz jenseits der Erde nähern.“
Quelle und mehr:
Reproductive biomedicine in space: implications for gametogenesis, fertility and ethical considerations in the era of commercial spaceflight, Reproductive BioMedicine Online (2026). DOI: 10.1016/j.rbmo.2025.105431
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Diese Meldung wurde ursprünglich auf Phys.org veröffentlicht.