Klartext Raumfahrt

Nihil fit sine causa

Rivada: „Das große Mysterium“

Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

Im Zusammenhang mit ihren Angriffen auf zivile Frachtschiffe zerstörten mutmaßlich Huthi-Milizen am 26. Februar mehrere Unterseekabel im Roten Meer, von denen der Daten- und Internetverkehr zwischen Europa, Asien und dem Nahen Osten maßgeblich abhängt. Als direkte Konsequenz, so berichtete Rivada Space Networks-Chef Declan Ganley am 20. März auf der Washingtoner „Satellite“-Messe den versammelten Raumfahrtmedien, sei ein Run auf Backup-Konnektivitätskapazitäten ausgelöst worden, der einen Nachfrageboom auch bei Rivada ausgelöst habe. Denn Rivadas künftige LEO-Konstellation werde, so Ganley, ausreichend Redundanzkapazitäten anbieten können.

Ganley zeigte sich davon überrascht und gab zu Protokoll, diesen Verkaufsaspekt seiner Konstellation selbst nicht gesehen zu haben; er betonte sogleich, dass seine 2,4 Milliarden-Konstellation auch damit nochmal einen großen Schritt hin zur finanziellen Realisierung nehme. Dabei ist, hört man ihm weiter zu, dies kein existentieller, sondern ein netter Mitnahmeeffekt, denn Rivada Space, die deutsche Tochtergesellschaft des US-Mobilfunkunternehmens Rivada Networks, verfüge bereits heute über MoUs mit potenziellen Kunden im Wert von mehr als 7 Mrd. US-Dollar, die nun in feste Verträge umgewandelt werden sollen.

Drehscheibe Deutschland: Rockt Rivada den Rest?

Die Zusagen der Kunden sind erforderlich, um Kapitalanleger zur Unterstützung der Konstellation zu gewinnen. Einen ersten Staatsfonds habe man dem Investorenportfolio schon 2023 hinzufügen können, zwei oder gar drei sollen jetzt noch folgen.

Seitdem der Erwerb von Ka-Band-Frequenzen vor zwei Jahren von Trion Space, einem liechtensteinischen Unternehmensmantel, eine offene Auseinandersetzung mit erheblich abweichenden Interessen auf chinesischer Seite auslöste, hält sich Ganley mit Einzelheiten zu den Finanzierungsplänen zurück – so sehr, dass sein wichtigster Auftragnehmer, Terran Orbital, sich angesichts der Gefahr schwindenden Vertrauens genötigt sieht, selbst die ordnungsgemäße Zahlung seiner Rechnungen durch Rivada öffentlich zu verkünden. So bestätigte auf dem gleichen Podium wie Ganley am 20. März Marc Bell, CEO von Terran Orbital, dass Rivada alle Rechnungen ordnungsgemäß zahlt und noch vor Ende des Jahres zwei oder vier Prototyp-Raumfahrzeuge in Betrieb nehmen will.

Terran Orbital ist vertraglich verpflichtet, die ersten 300 Satelliten zu liefern, die Rivada bis Mitte 2026 auf Position bringen muss, um seine Frequenzlizenz zu erhalten. Zwar ist Terran Orbital ist mit einem 2,4-Milliarden-Dollar-Vertrag über den Bau von 300 der insgesamt 600 Halbtonner-Satelliten der größte Zulieferer von Rivada; Beobachter bemerken jedoch auch, dass das Unternehmen dabei als Vorfinanzierer der Satelliten, damit verbundener weiterer Services und der gebuchten Starts auf Falcon9 auf eiserne Nerven seiner Geschäftsführung angewiesen ist.

Die scheint man auch bei Rivada Space in Deutschland zu haben. Denn hier war man auch angetreten, um sich um die neue Kommunikationskonstellation der EU-Kommission, IRIS2, verdient zu machen. Allerdings wurden die Avancen von Rivada Space wie die auch aller anderen Unternehmen und Konsortien kategorisch abgeschmettert – außer von jenem, welches Kommissar und Unionsvize Thierry Breton von vornherein ausgesucht hatte. Interessant ist allerdings dies:

  • beide Konstellationen, Bretons IRIS2 und Rivadas THEOUTERNET™, sollen auf den ersten Blick mit anfangs 2,4 Milliarden (allerdings hier Euro, dort Dollar) das gleiche kosten, ABER:
  • bei Rivada ist in diesem Paket angeblich für die erste 300er-Tranche von Satelliten schon alles drin, bei Breton geht es nach mühsam zusammengekratzten Milliarden erst richtig los – sechs Milliarden gesamt bis 2027 sind der Plan für den Anfang; für den Blick auf das Ende der Fahnenstange hat dagegen noch niemand das passende Fernglas entwickelt.
  • Die Kommission spricht von HardGov- und LightGov-Komponenten. Letztere sollen eigene Vorfinanzierungen der Erbauer und deren spätere Einnahmen am kommerziellen Markt sowie die ESA mit ARTES und evtl. noch die Länder mit weiteren nationalen Hilfsgeldern in Höhe von 3,6 Milliarden Euro realisieren bzw. überhaupt erst einmal anschieben, sonst funktioniert der Plan schon gleich zu Beginn nicht. Rivada-Chef Ganley dagegen sagt in aller Deutlichkeit, dass die deutsche Tochter Rivada Space (München) bereits bis zu 7 Milliarden Investment für sichere Finanzierung, Betrieb und Rendite mobilisieren kann. Wenn das stimmt, fehlen die schon mal beim kommerziellen Teil von IRIS2.

Sicher hat der renommierte Raumfahrtjournalist Peter de Selding recht, wenn er wegen der verschroben anmutenden Finanzkommunikation Rivada „das größte Mysterium des vergangenen Jahres“ nennt: Rivada gerierte sich schließlich streckenweise wie ein Phantom.

Sicher ist allerdings auch:

  • Rivadas Geschäftsinteresse zielt in erster Linie auf den kommerziellen Markt, während Bretons Projekt diesen nur als Lückenfüller sieht, der zugunsten institutioneller Nutzer jederzeit abgeklemmt werden kann.
  • Bei Rivada gibt es nur zahlende Kunden, bei Breton nicht zahlende institutionelle Hauptkunden.
  • Das EU-System wird wirklich sicher erst durch eine Quantenverschlüsselung der Kommunikation, die es derzeit noch gar nicht gibt; Rivada bietet nach eigenem Bekunden mit seiner Lösung die Sicherheit auf anderem Wege schon jetzt.

Wenn das tatsächlich alles so aus Rivada-Perspektive klappt, stellen sich nur noch zwei Fragen:

  • Auf wen wird bei dieser Gemengelage im Zweifel der kommerzielle Nutzer setzen?

und

  • Wer – außer dem Steuerdauerzahler – wird für die kostenlosen Regierungsdienste der Kommunikationsmaschine IRIS2 am Ende aufkommen?

Davon abgesehen hat allerdings das Verfahren um IRIS2 den großen Vorteil, dass es strikt dem Muster einer der über Jahrzehnte erfolgreichsten Marketingmethoden für Bastelanleitungen unterliegt; vielleicht klappt das ja auch bei Konstellationen: „Das erste Heft kommt schon mit dem größten Bauteil für nur 1 Euro! Die restlichen Komponenten folgen mit weiteren Ausgaben zum regulären Preis.“ Bisher hat das jedenfalls gut funktioniert.

Auf der Habenseite kann jedoch auch Rivada dann noch einen Punkt für sich verbuchen: Beim Konstellationsprojekt des Unternehmens ist im Gegensatz zu dem der EU-Kommission bereits gesichert, dass deutsche Raumfahrt-KMU in erheblichem Umfang als Zulieferer wesentlicher Technik zu Zuge kommen. Entsprechende Verhandlungen hat Terran Orbital schon 2022 und 2023 für Rivada Space geführt.

Wie immer das Rennen zwischen Rivada und IRIS2 ausgeht, es wird sich bald zeigen. Denn beide haben nicht mehr viel Zeit, um funktionierende Hardware im All vorzuführen. Wenn auch ursprünglich Rivada antrat, um sich IRIS2 anzudienen, so hat die Zurückweisung – und zwar die von Rivada wie auch aller anderen kleineren Konsortien – das Spieltableau irreversibel verändert und alle gezwungen, ihre Positionen zu beziehen. Am Ende könnte der Schwanz mit dem Hund wedeln.

Es wäre nicht das erste Mal.

 

Quellen:

https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/seekabel-im-roten-meer-durchtrennt-bedrohung-fuer-das-internet-in-europa-waechst-01/100020900.html

https://spacenews.com/subsea-internet-cable-issues-lift-rivada-space-networks/

https://www.spaceintelreport.com/rivada-says-investor-interest-in-its-broadband-constellation-is-high-but-provides-few-details-on-financing-status/