Rocket Lab: Mit Unternehmenskäufen und nationalen Fördermitteln auf dem Weg zum Weltkaufhaus der Raumfahrttechnik

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Nächste Station: Deutschland – gibt die Bundesregierung Mynaric her?

Kommentierender Bericht zur Lage vor der Entscheidung im Bundeswirtschaftsministerium

 

Rocket Lab ist vor allem bekannt für seine Startdienste mit der Eigenentwicklung Electron, der weltweit am häufigsten eingesetzten orbitalen Kleinrakete. Daneben ermöglicht die HASTE-Rakete hyperschnelle Testflüge für die US-Regierung und verbündete Nationen, und die in Entwicklung befindliche Neutron-Trägerrakete wird Starts für den Einsatz von Satellitenkonstellationen, nationale Sicherheitsmissionen und Erkundungsprojekte realisieren. Das Unternehmen, an der Nasdaq-Börse unter dem Kürzel RKLB gelistet, ist ein US-amerikanischer Konzern, der weltweit Raumfahrzeuge, Nutzlasten und Satellitenkomponenten für kommerzielle wie staatlich-institutionelle Missionen und Raumfahrtprojekte anbietet.

Das Portfolio ist also weit umfassender als das eines reinen Startdienstleisters, und Rocket Lab beschreitet entschlossen den Weg, der Branche neben SpaceX und Starlink ein weiteres US-amerikanisches (Quasi-)Monopol im All zu bescheren: das Weltkaufhaus der Raumfahrttechnik. Raumfahrtsysteme und Satellitenkomponenten von Rocket Lab haben bereits über 1.700 Missionen ermöglicht, darunter kommerzielle sowie Verteidigungs- und Sicherheitsaufgaben wie GPS, Konstellationen sowie Erkundungsmissionen zum Mond, Mars und zur Venus.

Think global, act local

Die Strategie der Expansion zum Weltkaufhaus der Raumfahrt ist jedoch eine andere als die von Elon Musk. SpaceX und Starlink sind streng zentralistisch mit allen lebensnotwendigen Einrichtungen und Organen des Konzerns auf die USA fokussiert; außerdem folgt das Unternehmen einer Vision, die die Aktivitäten von SpaceX und Starlink logisch in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis setzt: die „multiplanetare Gesellschaft“ braucht die Raketen von SpaceX, aber die Finanzierung durch Starlink.

Bei Rocket Lab ist das anders; an der Stelle einer gesellschaftlichen Vision steht das Bild von sich selbst als vollintegriertes „end-to-end“ – Raumfahrtunternehmen mit einem umfassenden Portfolio von Startdiensten, Raumfahrzeugen, Satellitenkomponenten und On-Orbit-Management-Leistungen auf Basis beachtlicher Investitionen in technisches KnowHow und industrielle Fähigkeiten – eine Strategie, deren Umsetzung US-Kriegsminister Pete Hegseth kürzlich bei seinem Besuch des Unternehmens ausdrücklich als willkommenen Beitrag zur waffentechnischen Vormachtstellung der USA im All („Arsenal of Freedom“) hervorhob.

Dabei setzt der Konzern auch auf ein wachsendes Netz von regionalen Präsenzen durch den Ankauf von nationalen Unternehmen in und außerhalb der USA. Die Investition in der Regel äußerst günstiger Kaufpreise spielt dann nach der „Einbürgerungsphase“ im zweiten strategischen Akt die Einwerbung von Fördermitteln und oder direkten Aufträgen aus dem nationalen Raumfahrtprogramm des jeweiligen Staates wieder ein.

Beispiel Kanada

Vor wenigen Tagen gab Rocket Lab bekannt, dass es von der Canadian Space Agency (CSA) Fördermittel erhalten hat, um ein neues Reaktionsrad der mittleren Klasse zu entwickeln. Dieses Reaktionsrad wird mit einer Ziel-Mindestkapazität für den Drehimpuls von 25 Nms konzipiert und soll Satelliten mit einer Masse von 500 kg bis 1.000 kg und größeren Nutzlasten im niedrigen Erdorbit und darüber hinaus unterstützen.

Die Förderung wurde im Rahmen des Space Technology Development Program der CSA an die kanadische Tochtergesellschaft von Rocket Lab vergeben. Ziel des Vertrags ist es, die Entwicklung kanadischer Raumfahrttechnologien zu beschleunigen und die heimische kommerzielle Lieferkette zu stärken. Rocket Lab ist eines von nur 18 Unternehmen, die als Teil einer umfassenderen Investition von 14,2 Millionen CAD in die kanadische Weltrauminnovation ausgewählt wurden. Rocket Lab erhält 999.951 CAD für die Entwicklung des neuen Reaktionsrades, das im Rocket Lab-Werk in Toronto entwickelt und qualifiziert wird – einem Eckpfeiler des kanadischen Satellitenhardware-Ökosystems seit mehr als zwei Jahrzehnten und seit Kauf der Sinclair Interplanetary in 2020 der kanadische Arm von Rocket Lab, der so bis in die Taschen des Staates reicht. Denn für den ist Rocket Lab nun ein waschechter Kanadier statt kanadischer Vasall eines dominanten US-Konzerns. Seit der Übernahme des in Toronto ansässigen Unternehmens Sinclair Interplanetary im Jahr 2020 hat Rocket Lab seine Präsenz in Kanada deutlich ausgebaut und liefert von hier Hardware zur Lagebestimmung und -regelung von Satelliten für Raumfahrzeuge im niedrigen Erdorbit, in geostationären Umlaufbahnen, zum Mond und zum Mars. Derzeit bietet Rocket Lab schon Reaktionsrädern an, die bereits in mehr als 300 Satelliten zum Einsatz kamen – von 1 kg schweren CubeSats bis hin zu Raumfahrzeugen mit über 1.000 kg. Das neue Reaktionsrad wird für größere und breitere Satelliten entwickelt.

Ziel jetzt: Deutschland und Europa mit Mynaric

Rocket Lab hat neben Einrichtung und Betrieb seiner Startanlagen bislang mit hohem Tempo von 2020 bis 2025 schon vier Unternehmen in den USA und Kanada übernommen. Seit März 2025 streckt das Unternehmen nun akquisitorisch die Arme über den Atlantik nach Deutschland in Richtung des Laserkommunikationsspezialisten Mynaric aus, der nach einer kurzzeitigen finanziellen Achterbahnfahrt zum potentiellen Übernahmeschnäppchen wurde: nur ca. 75 Millionen Euro Kaufpreis werden für das Unternehmen mit Sitz und Serienfertigung von Laserspaceterminals in bzw. bei München fällig – das entspricht nur einem Bruchteil der ohnehin schon fixen plus absehbaren  Auftragslage. Vor allem aber würde Mynaric so zum Trojanischen Pferd für einen US-Konzern in der Konkurrenz mit einheimischer Industrie um deutsche wie auch europäische Steuergelder aus den nationalen wie den ESA- und EU-Programmen. Ironie im Doppelpack: Derart mitgefördertes Wachstum des außereuropäischen Mutterkonzerns hin zur Marktdominanz in mehreren industriellen Raumfahrtdisziplinen bedeutet wiederum nichts anderes als potentiell die Förderung künftiger Abhängigkeit der Förderer Deutschland und EU selbst. Und zwar in allen Raumfahrtdisziplinen, in denen man eigentlich souverän werden will – nicht nur bei der Laserkommunikation.

Ausverkauf deutscher Schlüsseltechnologie?

Den langfristig höchsten Preis jedoch würde die Bundesregierung zahlen, indem sie entgegen allen Beteuerungen ihres Strebens nach Souveränität mit Mynaric weitgehend die nationale Verfügung über die künftig auch in der militärischen neben der zivilen Raumfahrt entscheidende Schlüsseltechnologie einfach so in außereuropäische Hände abgibt. Denn

  • erstens sind mit dem Heraufdämmern des Zeitalters der Quantencomputer auch die Tage konventionell verschlüsselter Kommunikation von und mit Satelliten gezählt; nur der laserübertragene Quantenschlüssel bildet dann noch das Bollwerk gegen Abhör- und Cyberattacken. Die Verfügung über Kapazitäten zur industriellen Erschließung und Nutzung dieser Fähigkeit im eigenen Lande aufzugeben, droht den milliardenschweren Investitionen in militärische Kommunikation und Aufklärung per Satellit an entscheidender Stelle den Sinn zu nehmen.
  • Zweitens kommen Laserverbindungen für die Weltraumkommunikation selbst ohne die amtlich zuteilungspflichtigen und langsam auch knappen Frequenzen aus, was im Boom der Konstellationen auch manch neuem zivilen Player demnächst wohl überhaupt erst die Marktteilnahme ermöglichen wird.

Der Ausverkauf von Mynaric an eine weitere zur Marktdominanz heranwachsende US-„Allmacht“ nach Space X würde also die Abhängigkeit von der Zulieferung ausländischer Schlüsseltechnik paradoxerweise auch dann massiv verstärken, wenn wesentliche Teile des Unternehmens, vor allem die Serienfertigung, erst einmal an den bayerischen Standorten verbleiben. Und das, während die ESA gerade mit europäischen Steuergeldern auf Grönland eine Laserbodenstation baut, um ihrerseits mit dieser Technologie Europas Souveränität im All voranzutreiben. Mynaric wegzugeben würde damit ganz nebenbei also auch die Frage aufwerfen, ob hier die Linke weiß, was die Rechte tut; auch und vor allem wäre es so ziemlich das Gegenteil dessen, was den von Bundeskanzler Friedrich Merz angesagten Ausbau der Bundeswehr zur schlagkräftigsten konventionellen Armee Europas voranzubringen geeignet ist.

In entscheidender Position: Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche

Begeisterungsstürme sind dann wohl auch nicht von Bundeswirtschaftsministern Katharina Reiche zu erwarten, die den Fall entscheiden muss. Schon in ihrer Antrittsrede hatte sie betont, dass „disruptive Technologiefelder wie KI, Konnektivität, … Quantum-Computing, Cyber-Tech mit riesigen Chancen verbunden (sind)“, denen aber „große geopolitische Herausforderungen (wie z.B.) fragile Lieferketten entgegenstehen.“ Vor den insbesondere aus Single-Source Strategien erwachsenden Gefahren der Abhängigkeit von Produkten aus dem Ausland warnte sie dann erneut und unmissverständlich am 28. Oktober in ihrer Grundsatzrede zum Außenwirtschaftstag des BMWE. In wieweit ihre Warnungen vor dem Verlust nationaler Souveränität auch im Fall Mynaric greifen, wird sich bald zeigen. Sympathie aus verteidigungspolitischer Sicht scheint ihr dabei jedenfalls sicher. Denn zum Interesse der Bundeswehr erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gegenüber KTR: „Grundsätzlich und unabhängig vom angefragten Fall bzw. Unternehmen können wir mitteilen, dass Laserkommunikation eine Schlüsseltechnologie ist, auch beim Aufbau der Weltraumarchitektur der Bundeswehr und somit der gesamtstaatlichen Weltraumsicherheitsarchitektur in Deutschland. Der gesicherte Zugriff auf diese Technologie wird durch das BMVg eng begleitet.“ Zu einzelnen Unternehmen bzw. deren Produkte oder Leistungen sagt das BMVg nichts und verweist zurück auf die Zuständigkeit des BMWE sowie die Informationen in der Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung.

Das BMWE wiederum verwies gegenüber KTR zwar in der konkreten Sache auf Geheimhaltungspflichten, aber im Allgemeinen auch auf die Regeln des Außenwirtschaftsgesetzes bei Investitionsprüfverfahren (https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Artikel/Aussenwirtschaft/investitionspruefung.html). Diese sind wiederum vielsagend und gerade im Falle verteidigungsrelevanter oder auch nur Dual-Use-fähiger sehr deutlich.

Schon vorangegangene Termine sowohl mit dem für eine Genehmigung der Abgabe von Mynaric ins außereuropäische Ausland zuständige Wirtschaftsministerium – siehe auch frühere heikle Fälle wie KLEO Connect – als auch mit dem für Raumfahrt in der EU zuständigen Brüsseler Defis-Direktorat blieben für Rocket Lab nach Angaben von mit der Angelegenheit vertrauten Personen ergebnislos.

Heute, am 20. Januar 2026, sollte eigentlich eine letzte Konferenz in Berlin die endgültige Entscheidung bringen. Allerdings verlautet soeben aus für gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen, dass auch dieser Termin sich noch um mindestens eine Woche verzögert.

Fazit: Es bleibt spannend, bis die Tinte trocken ist.

 

 

Quellen u.a.:

https://rocketlabcorp.com/updates/rocket-lab-awarded-r-and-d-funding-from-canadian-space-agency-to-develop-new-reaction-wheel-for-medium-class-satellites/

https://tracxn.com/d/acquisitions/acquisitions-by-rocket-lab/__WXFME-LY_4HwACvi68NmYw7fyyoukNov8rAd9p32m1E

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/aussenwirtschaftstag-reiche-hat-wenig-verstaendnis-fuer-chip-engpaesse-accg-110753156.html

https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Reden/2025/rede-amtsantritt-katherina-reiche.html

https://www.marketbeat.com/instant-alerts/filing-polianta-ltd-acquires-new-holdings-in-rocket-lab-corporation-rklb-2025-12-26/

https://www.stocktitan.net/sec-filings/RKLB/form-4-rocket-lab-corp-insider-trading-activity-58ae6e5d2539.html

https://www.investing.com/news/insider-trading-news/rocket-labs-coo-frank-klein-sells-shares-worth-846607-93CH-3935767

https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Artikel/Aussenwirtschaft/investitionspruefung.html);

https://www.dailynews.com/2026/01/09/defense-secretary-hegseth-visits-rocket-lab-facility-in-long-beach-on-arsenal-of-freedom-tour/