Zwischenstand der Koalitionsverhandlungen
991 Zeichen für 128 Wörter, die 9 Sätze bilden: das ist neuer Rekord für einen Textabschnitt bundesdeutscher Koalitionsvereinbarungen zum Thema Raumfahrt. Und mehr noch: bisherige Papiere dieser Art übten sich in der Kunst vielversprechender Unverbindlichkeit – auch das ist jetzt einmal anders. Denn offensichtlich gibt es nun sehr klare Vorstellungen dessen, was man in Sachen Raumfahrt innerhalb der nächsten vier Jahre zu erreichen, zu tun und anzustreben gedenkt. Und das sind auch schon die drei Abstufungen der Konkretisierungen, denen einzelne Positionen zugeordnet werden.
Auf der höchsten Stufe finden sich die Punkte ESA, Nationales Programm und „eigene“ Fähigkeiten. Das liest sich dann so:
„Raumfahrt ist eine Zukunfts- und Schlüsseltechnologie und auch für unsere Sicherheit und unsere militärischen Fähigkeiten zentral. Deshalb werden wir die Europäische Weltraumorganisation stärken und den deutschen Beitrag zur ESA-Ministerratskonferenz, die Ende 2025 in Bremen stattfindet, erhöhen. Auch unser nationales Raumfahrtprogramm werden wir ausbauen. Unverzichtbar sind auch eigene Fähigkeiten zur Erdbeobachtung und Kommunikation (z.B. Galileo und IRIS2)“.
Auf der zweiten Stufe konkreter Zusagen finden sich die Projektbereiche ISS und Trägerraketen:
„An einer ISS Nachfolgelösung werden wir uns beteiligen. Wir unterstützen den Trägerraketensektor und Initiativen wie eine Startplattform in der Nordsee“.
Auf der Ebene „Wunschkonzert“ letztlich finden sich eine astronautische deutsche Mondmission, das Prinzip des Auftragswesens mittels staatlicher Ankerkundenfunktion zur stärkeren Einbindung von KMU und Startups:
„Wir streben an, dass eine deutsche Astronautin oder ein deutscher Astronaut im Rahmen einer internationalen Mission zum Mond fliegt. Wir wollen, dass KMUs und Startups besser am Markt für Raumfahrtlösungen teilnehmen können und streben an, dass der Staat stärker als Kunde auftritt.“
Sowohl die deutliche Erhöhung des ESA-Beitrags im Rahmen der nächsten Ministerratstagung in Bremen als auch die Rettung des nationalen Programms aus den Tiefen ihres Niedergangs in den letzten drei Jahren entsprechen den vielfachen Forderungen der Branche, zuletzt auch konzertiert zusammen- und vorgetragen durch Klartext Raumfahrt. Zusammen mit den ebenfalls als unverzichtbar eingestuften Fähigkeiten bilden sie allerdings ein Cluster der klaren Priorisierung zentraler Großprojekte auf den Ebenen „national“, „ESA“ und „EU“.
Der internationalen Zusammenarbeit verpflichtet, wird sodann die Beteiligung an einer ISS 2.0 in Aussicht gestellt. Erst danach folgt in gewisser Weise eine schon eher an kleineren Industrieeinheiten orientierte Zusage der Unterstützung jener seit Jahren politisch herumdümpelnden Nordseeplattform. Erst ganz am Schluss und damit als Spitze der Unverbindlichkeit folgt der Wunsch, den Staat zur stärkeren Einbindung von KMU und StartUps als deren Ankerkunden fungieren zu lassen.
Im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden dieser Inhalte bat KTR den Sprecher der deutschen Raumfahrt-KMU im Verbund von AKRK und Best of Space, Dr. Ernst K. Pfeiffer, um eine Einschätzung. Pfeiffer dazu: „Positiv ist ganz klar, dass man den Begriff Raumfahrt nicht mit der Lupe suchen muss und er auch nicht in der sonst üblichen Formel Luft- und Raumfahrt untergebuttert wird. Schon das lässt Hoffnung aufkeimen, dass die neue Regierung die Bedeutung eigenständiger Raumfahrtfähigkeiten für einen fortschritts- und sicherheitsbewussten Staat erkennen kann und sie entsprechend wertschätzt.“
Einer gewissen Feinjustierung, so schränkt Pfeiffer auch gleich ein, bedarf es allerdings beim Blickwinkel, aus dem heraus die Politik diese Fähigkeiten offenbar wahrnimmt: es herrscht noch immer die klassische Sichtweise der Raumfahrt als einer Großtechnologie für die Großindustrie, zentral gelenkt und finanziert durch große Staatsfunktionen. Die quantitative Bedeutung hat offenbar also zugenommen, qualitativ und industriepolitisch scheint sich da noch nicht viel geändert zu haben.
Was er damit meint, führt Pfeiffer so aus: “So klar wie selten wird hier ein vollkommen zutreffender Anspruch an die Raumfahrt herangetragen, wenn es heißt: Raumfahrt ist eine Zukunfts- und Schlüsseltechnologie und auch für unsere Sicherheit und unsere militärischen Fähigkeiten zentral. Aber gerade deshalb ist es doch existentiell wichtig, im Interesse eines langfristig denkenden Staates, in die gesamte Lieferkette zu investieren. Das bedeutet eben nicht, die KMU auf Technologievorhaben zu beschränken, sondern sie vor allem auch als Zulieferer, für Satellitensysteme, konsequent einzusetzen. Denn ein auch unter schwerer Belastung und Aggression funktionierendes System wird umso stärker, je mehr die tragenden Funktionen auf so viele miteinander verbundenen Schultern wie möglich verteilt sind“.
KTR: „Gibt es da Beispiele?“ Pfeiffer: „Nun ja, bei ESA-Missionen funktioniert die Einbindung von KMU als Zulieferer schon recht gut. Bei nationalen, militärisch orientierten Missionen stehen wir noch recht am Anfang. Airbus geht hier z.B. bei Satcom BW3 schon in die richtige Richtung. Sollte Deutschland aber intensiv in Raumfahrt für eine effektive Verteidigungsfähigkeit investieren, muss gewährleistet werden, dass die Wertschöpfung auch weitmöglichst in Deutschland bleibt. So quasi als positiven Kollateraleffekt erhält man zusätzlich eine extrem gestärkte Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Raumfahrt-Zulieferindustrie auch für kommerzielle, globale Märkte“.