Starship, Falcon 9 und Ariane 6: Neue Hackordnung der HeavyLifter am Horizont?

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Wenn sich bei SpaceX ganz offensichtlich etwas in größerem Maßstab tut, dann sollte man genauer hinsehen – vor allem, wenn man Ariane heißt. Zumindest wäre zu erwarten, dass diese Reaktion nach den Lehren der Vergangenheit nur natürlich wäre. Derzeit zu beobachten:

Seit dem 7. Mai 2026 treibt das Unternehmen die Produktion der „Starship Block II“-Konfiguration voran, die im Vergleich zu den ursprünglichen Prototypen deutlich mehr Schubkraft und Nutzlastkapazität bietet. Zwar will SpaceX in erster Linie so die weltweit entstehende „Heavy-Lift-Lücke“ schließen und die enorme Transportkapazitäten bereitstellen, die sowohl für die zweite Generation der Starlink-Konstellation als auch für die zunehmend großen orbitalen Systeme des US-Verteidigungsministeriums benötigt werden. Aber die Auswirkungen werden sich nicht auf diese beiden zuzüglich der bekannten interplanetaren Ambitionen begrenzen lassen. Vielmehr ist zu erwarten, dass die Industrie mit ganz neuen Impulsen für die kommerzielle Raumfahrt reagieren wird. Und dies wird sich auf alle Träger auswirken, also auch auf die Ariane.

Derweil kommt die Falcon 9, die weiterhin als die zuverlässigste und am häufigsten gestartete Rakete der Geschichte gilt – allein für 2026 sind mehr als 150 Missionen geplant –, langsam aber sicher ihrer Pensionierung näher. Die Rede ist von einem Zeitpunkt 2030+. Denn die die Leistungsgrenze des Systems mit einer auf eine Stufe begrenzten Wiederverwendbarkeit ist erreicht. Starship hingegen wurde von Grund auf als vollständig und schnell wiederverwendbar. Mit einer Nutzlastkapazität von über 100 Tonnen in den niedrigen Erdorbit (LEO) im vollständig wiederverwendbaren Betrieb bietet Starship mehr als das Fünffache der Transportleistung einer Falcon 9 und das Zehnfache einer A62 bei gleichzeitig deutlich geringeren Kosten pro Kilogramm. Diese Eigenschaften gelten auch als essentiell für die großen Infrastrukturprojekte der späten 2020er Jahre, darunter der Aufbau von Mondbasen und orbitalen Rechenzentren.

Mit dem bevorstehenden Start von Blue Origins New Glenn in den Hochfrequenzbetrieb noch in diesem Jahr (und evtl. später auch von ULA) setzt SpaceX alles daran, seine marktbeherrschende Preisgestaltung durch das Angebot einer „Super-Heavy“-Dienstleistungsklasse zu sichern – einer Kategorie, die derzeit keinen direkten Wettbewerber hat. Indem große Nutzlasten auf Starship verlagert werden, kann SpaceX die Falcon-9-Flotte für die kleineren und zunehmend gefragten „taktisch flexiblen“ Starts der US Space Force freihalten und mit Starship die kommerziellen und zivilen Märkte für Großtransporte dominieren.

Um für Mond und Mars fit zu werden, hat sich für 2026 SpaceX das ehrgeizige Ziel von zwölf Starship-Orbitalflügen gesetzt, um die schnellen Wartungszyklen zu demonstrieren, die ein wirklich „flugzeugähnliches“ Raumtransportsystem auszeichnen. Während Falcon 9 bis zum Ende dieses Jahrzehnts noch sicher auf dem Markt plaziert bleibt, bietet sich auf dem Startmarkt der Schwergewichte dieses Vergleichstableau:

Ariane 6 vs Falcon 9 vs Starship: Vergleichstabelle

Specs 

Ariane 62/64

Falcon 9

Starship

Height 

63m/207 ft

70 m/ 230 ft

121 m / 397 ft

Width

5.4m/18ft

3.7 m/12 ft

9 m / 29.5 ft

Start Mass

A62: 530 000 kg (1,170,000 lb)
A64: 860 000 kg (1,900,000 lb)

549,054 kg / 1,207,920 lb

6, 000,000 kg/13, 227,735 lb

Stages

2 + 2 or 4 solid boosters 

2

Payload to LEO, SSO

A64: 21,650 kg (47,730 lb)
A62: 10,350 kg (22,820 lb)

22,800 kg / 50,265 lb

100,000 – 250,000 kg/ 220,462 –551,155 lb

Payload to GTO

A64: 11,500 kg (25,400 lb)
A62: 4,500 kg (9,900 lb)

8,300 kg / 18,300 lb

150,000 kg/330,693 lb

Payload to TLI

A64: 8,600 kg (19,000 lb)
A62: 3,500 kg (7,700 lb)

4,020 kg / 8,860 lb

150,000 kg/330,693 lb

Engines

 Boosters P120,1 stage – Vulcain 2.1 x 1,2 stage – Vinci x 1

1 stage – Merlin x 9,2 stage – Merlin Vacuum x 1

1 stage – Rator-3 x 33,2 stage –  Raptor Vacuum x 6 

Propellent 

Boosters – Al / HTPBStages — Liquid hydrogen /LOX

RP1/LOX

Methane/LOX

Reusability 

No 

1 stage

Fully reusable

Cost per launch

A62: €75 million
A64: €115 million

62 million USD

2–62 million USD

Launches 

5

352

8 (Tests)

Auf den ersten Blick schon wird klar: Das Bessere ist des Guten Feind, und was in Sachen Leistung und Kosten noch dahinter rangiert, darf sich glücklich schätzen, immerhin noch auf Platz Drei dabei zu sein. Doch wie lange werden zumindest Chancen des Dritten auf dem kommerziellen Sektor überhaupt bestehen bleiben? Es ist doch zu erwarten, dass sich die globale Raumfahrtwirtschaft rund um die Starship-Architektur neu organisiert. Übrigens genauso, wie sie es tat, als einst die Ariane 4 bisher ungeahnte Möglichkeiten bot. Die Fähigkeit, mehr als 100 Tonnen auf einmal zu starten, dürfte einen Wandel im Satellitenbau auslösen: Ingenieure können sich von hochkomplexen, miniaturisierten Komponenten abwenden und stattdessen größere, robustere und kostengünstigere Strukturen entwickeln. Sie werden die logistische Grundlage für eine multi-planetare Ökonomie schaffen und den Massentransport von Menschen und Gütern ermöglichen, der bislang als finanziell unmöglich galt. Sie werden aber auch ganz neue industrielle Nutztechniken hervorbringen, die weder die Falcon 9 noch die Ariane 6 in wettbewerbsfähiger Manier befördern können.

Und was hat der Alte Kontinent aus der bisherigen Geschichte gelernt?  Es scheint, als würden einige europäische Entscheidungsträger wieder denselben Fehler wie vor rund zwölf Jahren begehen. Kürzlich äußerte sich Toni Tolker-Nielsen, der ESA-Direktor für Raumtransport, in einem Interview mit SpaceNews dazu, dass ihn die mögliche Konkurrenz zwischen Starship und Ariane 6 nicht beunruhigt. „Diese große Trägerrakete ist dafür gebaut, Menschen zum Mond und Mars zu bringen. Ariane 6 ist perfekt geeignet, wenn man einen vier- oder fünf-Tonnen-Satelliten starten will. Starship wird Ariane 6 keineswegs verdrängen.“ Außerdem betonte er, dass die ESA bewusst auf die Wiederverwendbarkeit von Raketen verzichtet hat, da die Anzahl der Starts in Europa zu gering ist. „Unser Bedarf an Starts ist so niedrig, dass es wirtschaftlich keinen Sinn ergibt. Daher brauchen wir das aktuell nicht. Wenn wir in Zukunft häufiger starten, werden wir aus wirtschaftlichen Gründen Wiederverwendbarkeit benötigen.“

Noch drastischer äußerte sich der Chefverkäufer von Arianespace in Südost-Asien, Richard Bowles, der einst 2013 die Wiederverwendbarkeit von Falcon 9  als Phantasie von Träumern abtat, die man nicht aufwecken solle. In der Zwischenzeit hat sich SpaceX mit Hunderten Flugerfolgen der Falcon 9 als ein bemerkenswert waches Unternehmen präsentiert. Gründe anzunehmen, dass sich das mit dem Heraufdämmern von Spaceship am Horizont ändern sollte, gibt es derzeit keine:

Null.

 

Quellen:

https://satnews.com/2026/05/07/spacex-accelerates-transition-from-falcon-9-to-next-generation-starship-fleet/?mohide=true&mc_cid=c6023121e3&mc_eid=ad27083a4a

https://orbitaltoday.com/2024/10/18/ariane-6-vs-starship-is-there-a-competition/

https://phrasespulse.com/ariane-6-vs-starship-goals-functions-and-differences-explained/

https://arstechnica.com/space/2024/06/some-european-launch-officials-still-have-their-heads-stuck-in-the-sand/