Klartext Raumfahrt

Nihil fit sine causa

Vom Krieg der Sterne zurück in die Steinzeit?

Selbstverteidigung für Satelliten

Wer meint, nachts allein in einer der vermutlich eher tausend als hundert verrufenen deutschen „No-Go-Areas“ wie Berlins Görlitzer Park, Duisburg Marxloh oder Friesen- und Rudolfplatz von Köln ohne jegliche Sicherheitsvorkehrung lustwandeln zu müssen, dürfte für diesen Leichtsinn zumindest allgemeines Kopfschütteln, darüber hinaus aber auch noch deutliche Kommentare bis hin zu Spekulationen über den geistigen Gesundheitszustand ernten. Denn dass damit die Grenze zwischen „unbedacht“ und „unbedingt dumm“ bei weitem überschritten ist, weiß nicht nur jedes Kind, sondern auch der große Teil der Erwachsenen, die das eben nicht tun.

Als höchst aufschlussreich dürfte sich eine empirische Versuchsreihe erweisen, bei der man Probanden mit schlechten Erfahrungen aus der einen Gegend am Rande einer anderen aussetzt, um zu sehen, was dann passiert. Werden sie es wieder tun und wieder dafür bezahlen? Ohne Versuch werden wir da nicht wirklich klug. Aber Erkenntnisse aus der Raumfahrt helfen vielleicht zumindest theoretisch weiter. Denn aus der Raumfahrt weiß man immerhin, dass die gesamte politische Ebene von 114 Staaten der Erde sich bis heute bei der Gestaltung und Sicherung des Wirtschaftsraumes im Weltraum lediglich auf einen „Weltraumvertrag“ von 1967 verlässt, der – ganz wie im Görlitzer Park – konventionelle Waffen erlaubt und nur Stationierung und Anwendung von Atomwaffen im All verbietet. Und zwar ohne Sanktionsmöglichkeiten vorzusehen und damit irdische Erfahrungen vorsorglich auf die neue Umgebung im Weltraum zu projizieren. Wie sonst ist zu erklären, dass alle physischen und elektronischen Wissens- und damit Lebensadern der modernen Welt auf der Erde gesichert werden wie Fort Knox, während ihre entscheidenden Knotenpunkte fröhlich-frei mit bis zu vierzigtausend Sachen ohne Wappnung gegen Angriffe um die Erde fliegen – und zwar gegen Angriffe der ganz simplen, aber eben auch effektivsten Art: mit voller Wucht einfach drauf?  Genau: wenn unsere Erkenntnisse über das Verhalten in der Raumfahrt auf unsere armen Probanden übertragbar ist, dann holen sie sich jetzt gerade woanders wieder eine blutige Nase.

Die mögliche Einlassung einer (hypothetischen) von Idealismus getriebenen Raumfahrtfraktion, man hätte das ja alles nicht wissen können, ist unbegründet. Denn spätestens seit 04.02 Uhr des 24. Februar 2022 weiß man nur zu gut, dass der Ukraine-Krieg mit einem (Cyber-)Angriff auf einen Satelliten begann. Der Umstand, dass man in Deutschland den Kriegsbeginn am damit verbundenen Ausfall der Steuerung einiger Windräder bemerkte, wird dabei wohl noch Generationen von Kabarettisten als dankbarer Stoff dienen.

Nukleare Bedrohung im All (?)

In der Zwischenzeit nimmt das neue Kapitel der Raumfahrtpolitik mit der ungewöhnlichen Veröffentlichung vermeintlicher nuklearer Angriffsfähigkeiten und -pläne Russlands auf westliche Satellitensysteme ausgerechnet durch den Vorsitzenden des amerikanischen Geheimdienstausschusses, Mike Turner, deutlich Fahrt auf. Das Weiße Haus und auch andere Mitglieder des Ausschuss beschwichtigen zwar die Gemüter hinsichtlich einer etwaigen akuter Gefährdungslage; es stellt aber niemand die theoretische Fähigkeit Russlands in Abrede, ihre „militärische Spezialoperation“ mit atomaren Mitteln auf die ganze Welt, sprich den ganzen Weltraum, auszudehnen.

Der deutsche MERKUR zitiert zur Frage der Wahrscheinlichkeiten Militär Aktuell,  der Einsatz einer Atombombe in der oberen Atmosphäre sei als Bedrohung langfristig absolut real, denn der dadurch ausgelöste elektromagnetische Impuls könnte aber abseits von extrem gesicherten Netzwerken die elektronische und digitale Infrastruktur ganzer Länder kurzzeitig lahmlegen oder sogar dauerhaft ausschalten. Also auch militärische Computer, Radarsysteme, Kommunikationssysteme und Präzisionswaffen. Die Bedrohung durch nukleare und ein bis zehn Kilotonnen starke EMP-Waffen sei langfristig tatsächlich als real zu beurteilen.

Satelliten auf alles vorbereitet?

Doch bevor es so weit ist, bleibt noch zu sehen, inwieweit es nicht doch schon Mittel und Wege der Selbstverteidigung von Satelliten gibt oder doch zumindest solche in der Planung sind. Der Überblick bringt schnell Gewissheit: an Anti-Satellitenwaffen wird eifrig in allen Teilen der Welt gewerkelt, die Großen der Szene haben sie auch schon betriebsbereit installiert. Aber die Verteidigung von Satelliten kann derzeit und auch nur vielleicht und nur im Einzelfall von der Erde aus gelingen. Von einer systematischen Selbstverteidigungsfähigkeit der Satellitenflotten ist das aber noch Lichtjahre entfernt. Auch in Deutschland: selbst wenn der Auftrag an das Weltraumlagezentrum der Bundeswehr einst von Frau Kamp-Karrenbauer den Schutz der eigenen Satelliten vorsah, so ist damit bis heute vor allem die Beobachtung potentieller Gefährdungen gemeint, effektiver Schutz durch eingebaute Selbstverteidigungsmechanismen der Satelliten selbst aber nicht. Auf dieser Baustelle ist noch nichts passiert – und zwar seit sechzig Jahren nicht.

Endlose Kosten…

Der Einsatz einer Weltraumwaffe würde auch andere Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen, so die New York Times in ihrer Analyse des ökonomischen Schadens,. Denn Branchen von der Landwirtschaft bis zur Technologie sind auf Satelliten angewiesen, und Sektoren wie Schifffahrt, Transport, Bankwesen und Lieferkettenmanagement sind auf GPS angewiesen, das Satelliten nutzt. Neben einer „depressiven Wirkung“ auf die Bewertungen von Raumfahrtunternehmen im Allgemeinen, wie Donald Moore, CEO der Space Finance Corporation und Dozent für Raumfahrtpolitik an der University of Michigan Law School über die NYT wissen lässt, würde die neue Bedrohung auch den Plänen der US-Regierung, sich auf private Anbieter zu verlassen, zuwider laufen.  Und das gerade jetzt, wo das Verteidigungsministerium voraussichtlich Einzelheiten einer neuen Strategie zur Integration kommerzieller Satelliten in die nationale Sicherheit bekannt geben wird. Das führt die NYT unter Berufung auf Brian Weeden aus, Chief Program Officer der Secure World Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die sich mit Raumfahrtpolitik befasst. Und schließlich bleibt noch anzumerken, dass keine Raumfahrt-Versicherung der Welt bei Kriegshandlungen, nuklearen Reaktionen und Angriffen auf Satelliten greift. Solche Risiken sind immer vertraglich ausgeschlossen.

Lockruf der Steinzeit

Die einzige „Versicherung“, die es derzeit gegen ein solches Szenario gibt, liegt in der Natur der Sache selbst. Denn es ist davon auszugehen, dass es schwer bis unmöglich zu kontrollieren sein wird, als Aggressor nicht auch die eigenen Weltrauminfrastrukturen zu zerstören.

Vom Krieg der Sterne kämen also alle gleichzeitig zurück in die Steinzeit. Einen Vorteil hätten dann höchstens die Länder, die dieser schon vorher technisch am nächsten waren. Als Zeichen für solchen Vorteil führt im NYT-Beitrag der Professor für Raumfahrtpolitik an der George- Washington-Universität, Henry Hertzfeld die Fähigkeit an, auch heute noch flächendeckend über Kupferdraht und Festnetz telefonieren zu können.

Wenn es tatsächlich danach ginge, wäre Deutschland am Ende wieder plötzlich ganz vorne dabei.

 

https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/russland-atomwaffe-weltraum-weltall-satellit-waffe-usa-sicherheit/

https://www.watson.ch/international/usa/996658606-russland-arbeitet-an-nuklearwaffen-im-all-zur-blendung-von-satelliten

https://www.nytimes.com/2024/02/24/business/dealbook/the-cost-of-nuclear-war-in-space.html

https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/das-weltraumkommando-der-bundeswehr-5443406

https://www.merkur.de/politik/atomkrieg-verluste-ukraine-krieg-wladimir-putin-nato-russland-raketen-atomwaffen-92840341.html