Und es bewegt sich doch (nicht) – Angewandte Relativitätstheorie als Leitprinzip der offizieller Kommunikation zu IRIS²

©EUSPA, ©EU Agency for the Space Programme

Achtung bissig: Kommentar zum Status IRIS2

Bewegung ist relativ – auf diese Feststellung legte schon Einstein gesteigerten Wert, denn ohne dieses Grundprinzip wäre es das schon gewesen mit der Relativitätstheorie und ihrem Einfluss auf die Gestaltung vieler moderner Lebensbereiche. Dass es aber eines Tages auch wie ein kommunikativerTaschenspielertricks genutzt wird, um planmäßige Bewegung bei einem rein politischen Technikprojekt höchster europäischer Entscheiderebenen zur Verdeckung des Umstandes zu suggerieren, dass man unverdrossen ein totes Pferd reitet – dies, ja dies hätte den für brillante Formulierungen bekannten wie berüchtigten Einstein bestimmt zu sehr pointierter Reaktion veranlasst. Doch wie man weiß, blieb ihm dank der Gnade der frühen Geburt die Kenntnis über dieses und alle anderen EU-Projekte erspart.

Worum geht es? Zeit vergeht für einen Beobachter in Ruheposition schneller als für einen bewegten Beobachter. Fährt der Zug auf dem Nachbargleis los, so kann es sein, dass dies dank der eingenommenen Perspektive des ruhenden Beobachters als die Geschwindigkeit des eigenen Zuges wahrgenommen wird. Wollte man also dafür sorgen, dass die Mitreisenden sich fälschlicherweise in dynamischer Bewegung und einer zeitlich schnell ablaufenden Handlungskette wähnen, so muss man ihnen diese Interpretation der Beobachtung nur intensiv einreden – obwohl ihr Zug sich keinen Millimeter vorwärtsbewegt. Bei IRIS2 läuft das geradezu hingebungsvoll und kontinuierlich bis heute.

Bei der Präsentation der Halbjahreszahlen von Thales am Donnerstag, dem 23. Juli 2026, bestätigte der Vorstandsvorsitzende Patrice Caine gegenüber Investoren, dass die Entwicklungsarbeiten an der „sicheren Satellitenkommunikationskonstellation IRIS² der Europäischen Union“ planmäßig voranschreiten. Es wurde nach Abschluss des Vertrages der EU mit dem nach Ausscheiden von Thales und Airbus Defence and Space wegen zu großer technischer und finanzieller Risiken übrig gebliebenen Space“Rest“Rise-Konsortium breitflächig begonnen, den Beginn einer Einkaufsorgie sowie der Produktion zu proklamieren.

Dumm nur, dass bei jenen allein aus dem Mittelstand, bei denen sich entsprechend Schecks in Gesamthöhe von 3 Milliarden und 120 Millionen Euro hätten türmen müssen, niemand etwas von einem solch wundersamen Geldsegen im eigenen Haus mitbekommen hatte. Und man kann wirklich davon ausgehen: das hätte niemand übersehen! Gleiches Bild beim Thema Produktion: Das Konsortium ist unter anderem beauftragt, die beabsichtigte Konstellation zu designen, also technisch zu planen. Dieses Design sollte Ende 2025 stolz präsentiert werden, dann Ende April, dann vielleicht im Mai oder Ende Juni – wurde es aber nicht, und zwar bis heute. Da man, wie im Laufe der Jahre auch immer wieder beobachtet und kommentiert wurde, bis heute nicht so wirklich weiß, was man bauen will und überdies für dieses unbekannte Objekt auch noch nichts außer dem mit dem Projektphantom IRIS2  immerhin profitabel arbeitenden Konsortium selbst eingekauft wurde, ist mit hinreichender Sicherheit davon auszugehen, dass man so schnell auch wirklich nichts baut (siehe auch Ü-Ei IRIS Zwei: Alles – außer langweilig ).

Eine Einigung darauf sollte stattdessen, wie ebenfalls berichtet, nun in wenigen Wochen oder Monaten erfolgen können. Allerdings könnte eine so lange Wartefrist – noch dazu im Sommerloch der Nachrichtenlage – die Gefahr heraufbeschwören, dass vereinzelte Mitreisende zu bemerken beginnen, dass ihr Zug wie angewachsen steht, während alle anderen fahren. Das gilt vor allem für solche Passagiere, deren finanzielles Wohl auch stark vom Gelingen großer Projekte ihrer Klientel abhängt. Und so ist die SES-Verlautbarung zur Bilanz-PK am 30.7. keine Überraschung, man sei man nur noch Tage vom „final deal“ entfernt (der Begriff hat langsam wirklich etwas Gruseliges); und auch bei der Finanzpräsentation von Thales vor Investoren beeilte sich die Unternehmensführung, IRIS2 robuste Gesundheit zu attestieren: „IRIS² schreitet im Einklang mit den festgelegten technischen Phasen und den Meilensteinen der öffentlich-privaten Partnerschaft voran“, sagte Patrice Caine, Vorstandsvorsitzender von Thales. „Das Programm bleibt entscheidend, um europäische strategische Autonomie sowie widerstandsfähige Hochgeschwindigkeitskonnektivität in souveränen Verteidigungs- und zivilen Bereichen bereitzustellen.“

Die Aussage ist in beiden Teilen richtig, wenn man sich mit IRIS2 im fahrenden Zug wähnt. Fährt aber der andere und der eigene steht, dann sagt sie auch, dass sich das Programm umgekehrt eben nicht bewegt, solange es sich nicht auf die „festgelegten technischen Meilensteine“  hinbewegt – was derzeit nach Lage der bekannten Dinge der Fall ist. Und dass die EU das Programm als entscheidend für ihre strategische Autonomie betrachtet, ist ebenfalls kein Geheimnis. Wenn aber – Achtung: Perspektive – welcher Zug fährt? – nichts draus wird, war es das auch mit den geplanten Zielen hin zu Machtverschiebungen zugunsten der EU (-Kommission). Fazit: Der Zug IRIS2 steht still im Bahnhof, aber Schaffner und Lokführer bombardieren die Passagiere mit Informationen über das vermeintliche Tempo, mit dem man auf die nächsten Stationen zurast.

Dass die Spitzen der Bundesregierung mittlerweile auch vor diesem Dauerfeuer der politischen IRIS2-Propaganda kapituliert und dem Drängen Frankreichs nachgegeben haben sollen, ist dagegen nach Lesart anderer Medien ein neues Faktum. Was war geschehen?

Am 17. Juli 2026 tagte der Deutsch-Französische Ministerrat in Augustenburg und brachte laut „Höflichkeitsübersetzung“ der Bundesregierung diese Nachricht hervor:

„Deutschland und Frankreich haben eine hochrangige Arbeitsgruppe für den Bereich Weltraum eingerichtet. Wir erkennen die entscheidende Bedeutung von IRIS² für eine resiliente, integrierte und robuste europäische Weltrauminfrastruktur an. Das Programm stellt einen ersten Schritt hin zu einem europäischen Systemverbund dar, wobei IRIS² als Datenrückgrat fungiert. Vor diesem Hintergrund verständigen sich beide Seiten auf folgende Leitprinzipien für IRIS²:

  • die zeitnahe Bereitstellung von Diensten;
  • die Berücksichtigung von Anwendungsfällen (Bandbreite, Latenz, Sicherheit und Dienstqualität), einschließlich der Ermittlung verschiedener Nutzergruppen mit vielfältigen und wechselnden Anforderungen;
  • einen kommerziellen Ansatz zur Förderung privater Investitionen und des Wettbewerbs;
  • sowie öffentlich-private Partnerschaften als Kernelement des Programms, um die Finanzkraft und Innovation für den öffentlichen Sektor zu nutzen und zugleich die Märkte für kommerzielle Akteure offen zu halten (vgl. gemeinsames Non-Paper „IRIS²: A Pivotal Component in the European Space Infrastructure and Economic Landscape“). Die Arbeitsgruppe wird ihre weitere Arbeit auf diese Grundsätze stützen.“

Daraus schlossen manche, Deutschland sei gegenüber Frankreich nun endgültig in Sachen IRIS2 eingeknickt. Bei genauem Hinsehen handelt es sich, wenn überhaupt, um ein streng konditioniertes „Einknicken“ – nämlich nur unter den von (i) bis (iv) genannten Bedingungen. Und die sind – man hat es sich bis hierher schon gedacht – allesamt nicht erfüllt: der EU-propagierte Zeitrahmen für die Bereitstellung von (substantiellen) Diensten ist eine Farce (siehe unter anderem IRIS² – Potemkins Raketenplan ), Anwendungsfälle und Nutzergruppen: weitgehend unbekannt, Kommerzialisierung und Privatinvestoren: bisher Fehlanzeige (vgl. IRIS²: „Dead in the water“ ) PPP-Struktur: funktioniert derzeit nur dank Frankreichs Steuermilliarden für das Überleben des finanziellen Hauptakteurs des Konsortiums (siehe Frankreich trägt Eutelsat zur Jagd auf Starlink mit IRIS²). Zwischenfazit: jeder andere Zug fährt, nur der mit IRIS2 an Bord steht still.

Erst recht als voreilig entpuppt sich die These von der einknickenden Bundesregierung, wenn man jenseits der hehren Zitate aus der obersten Leitungsebene die in Tinte gegossenen Anmerkungen jener Politiker berücksichtigt, die etwas von der Sache im Detail verstehen (ja, gibt es!): Die Mitglieder des Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats in Nörvenich am 17. Juli 2026. Eine weitere „Höflichkeitsübersetzung der Bundesregierung“ hält von dieser Tagung fest:

„Im Weltraum werden Deutschland und Frankreich aktiv Möglichkeiten der Interoperabilität prüfen, beispielsweise zwischen dem von Frankreich geförderten IRIS2 und Deutschlands zukünftiger nationaler Konstellation, um föderierte Weltraumsysteme zu ermöglichen und gleichzeitig nationale Souveränität und nationale Dienste zu schützen. Sie werden ihre Zusammenarbeit zu weltraumbasierten Aufklärungssystemen der nächsten Generation fortsetzen und vertiefen. Ebenso werden sie ihre Anstrengungen intensivieren, Ariane 6 und andere europäische Trägerraketen für den Transport von Militärsatelliten zu nutzen. Darüber hinaus kommen sie überein, Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit im Bereich aktive Verteidigungsfähigkeiten auszuloten.

…  Deutschland und Frankreich werden die Umsetzung der JEWEL-Initiative für alle Säulen (weltraumgestützt, bodengestützt sowie Führung) fortsetzen und sie gleichzeitig in einem bewussten Ansatz für weitere Partner öffnen.

… Zur Förderung der Datensouveränität werden Deutschland und Frankreich den Aufbau eines europäischen souveränen digitalen Rückgrats prüfen, wobei datenzentrierte Sicherheit, künstliche Intelligenz und Cloud-Lösungen aus beiden Ländern berücksichtigt werden, beispielsweise die französische ARCADIA-Lösung und vergleichbare deutsche Lösungen.

Um die Steuerung der deutsch-französischen Rüstungszusammenarbeit auf eine breitere Grundlage zu stellen, wird ein regelmäßiger Dialog zwischen dem deutschen Staatssekretär für Rüstung und Innovation und dem französischen Délégué Général pour l’Armement eingerichtet, der abwechselnd in Deutschland und Frankreich stattfinden wird. Im Zuge dieser Treffen werden alle im Rahmen des deutsch-französischen Rüstungs- und Innovationsausschusses einschlägigen Themen mit Bezug zur bilateralen Rüstungszusammenarbeit und Innovation im Verteidigungsbereich thematisiert werden.“

Hier halten die politischen Spitzen mit ausgeprägter Sachkenntnis nichts anderes fest als dies:

  • IRIS² ist ein französisches Projekt, heißt also: kein französisch-deutsches, und erst recht kein deutsch-französisches.
  • Deutschland sichert Interoperabilität seiner geplanten Konstellationen zu: nichts anderes ist die Absicht der Bundeswehr, die sie von Anfang an konsistent wie kontinuierlich kommuniziert hat.
  • Die militärische Zusammenarbeit zwischen den beiden Nationen wird massiv ausgebaut: das betrifft in erster Linie den sensiblen Bereich der „nuklearen Teilhabe“ und kein besonderes Einzelprojekt.

Der IRIS2-Zug verharrt wie angewurzelt fest im Bahnhof, doch die ruhenden Beobachter wähnen sich, wie es ihnen höchste Instanzen weismachen, mit Tempo unterwegs.

In Wirklichkeit unterwegs, schon im Stillstand die höchsten Rekordmarken für historisches Missmanagement der EU einzureißen, bisher immer noch gehalten durch Galileo. Und – Achtung, Wetten erlaubt! – schon sehr bald  wird die in wenigen Tagen erwartete Einigung mit den verbliebenen drei Musketieren des Space“Rest“Rise-Konsortiums den point of no return für die Entwicklung eines weiteren Projektes in schier endloser Folge von Schritten nach Salamitaktik auf Kosten der Steuerzahler Europas nach dem bekannten Motto in EU-Gutsherrenart setzen: „Whatever it takes“. Der einzige Vorteil: der von vielen mit Spannung 2029/2030 erwartete Putin wird IRIS2 nichts anhaben können. Es kommt ja erst fünf bis zehn Jahre nach ihm.

Ein weißhaariger Mann mit wildem Schopf und Schnauzbart steht auf dem Bahnsteig, man kann ihn murmeln hören: „Die Welt ist ein Narrenhaus, das Renommee macht alles!“

Quellen:

https://beruhmte-zitate.de/autoren/albert-einstein/zitate-uber-die-welt/

https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975228/2447554/cdd52103dee1483c7495a8ef998c6fb4/2026-07-17-dfvsr-erklaerung-deutsch-data.pdf?download=1

https://satnews.com/2026/07/23/thales-ceo-confirms-progression-on-eus-multi-billion-euro-IRIS²-sovereign-satellite-constellation/

https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975228/2447554/cdd52103dee1483c7495a8ef998c6fb4/2026-07-17-dfvsr-erklaerung-deutsch-data.pdf?download=1

https://www.spaceintelreport.com/french-german-ministers-meeting-lauds-IRIS2-as-europes-digital-backbone-want-2-ghz-spectrum-reserved-for-it/

https://www.einsteinjahr.de/zitatsammlung